Kindeswohl-Statistik:Schutz der Kinder ist in der Pandemie gefährdeter denn je

Kindeswohl-Statistik: Bei fast 60 600 Kindern und Jugendlichen haben die Jugendämter im vergangenen Jahr eine Kindeswohlgefährdung festgestellt.

Bei fast 60 600 Kindern und Jugendlichen haben die Jugendämter im vergangenen Jahr eine Kindeswohlgefährdung festgestellt.

(Foto: Jörg Buschmann)

Seit 2012 wird gezählt, wie viele Kinder zu Hause vernachlässigt und misshandelt werden. So viele wie 2020 waren es noch nie.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Überrascht hat es Martina Huxoll-von Ahn nicht, was das Statistische Bundesamt (Destatis) am Mittwoch gemeldet hat. Bei fast 60 600 Kindern und Jugendlichen haben die Jugendämter im vergangenen Jahr eine Kindeswohlgefährdung festgestellt - neun Prozent mehr als 2019 und der höchste Stand seit dem Beginn der Erhebung im Jahr 2012.

"Wir haben das geahnt", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes zu den Zahlen aus Wiesbaden. "Gerade in den Phasen der Schul- und Kitaschließungen, mit Homeschooling, Home-Office und teilweise beengten Wohnverhältnissen, war das Konfliktpotenzial, das sich in Gewalt niederschlagen kann, groß." In den Beratungsstellen des Kinderschutzbundes habe es zuletzt viele Fälle gegeben, in denen sich die negative Situation schon verfestigt hatte, weil die Familien in der Pandemie nicht früh genug Hilfe in Anspruch nahmen.

Laut Destatis machen Vernachlässigungen die Mehrheit der gemeldeten Fälle aus, gefolgt von psychischen Misshandlungen wie Demütigungen oder Einschüchterungen. Hinweise auf körperliche Misshandlungen gab es in gut jedem vierten Fall, bei fünf Prozent ging es um sexuelle Gewalt. Mehrfachnennungen waren möglich.

Experten warnen schon länger vor den Folgen der Pandemie für Kinder und Familien. Bereits im Mai hatte das Bundeskriminalamt einen Anstieg der Gewalt gegen Kinder gemeldet, hinzu kommen Studien zu gestiegenen psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte am Mittwoch: "Hinter jeder Zahl steht ein Kind, das Leid erfahren musste." Im ersten Corona-Jahr hätten die Belastungen und das Konfliktpotenzial in den Familien durch die geschlossenen Kitas und Schulen und das Homeschooling erheblich zugenommen. "Und wir müssen leider davon ausgehen, dass das Dunkelfeld noch höher ist", betonte die Ministerin mit Blick auf die vermutlich vielen Fälle, die unentdeckt bleiben.

Kinderschutz in der Pandemie braucht offene Kitas und Schulen

Insgesamt haben die Jugendämter 2020 knapp 194 500 Verdachtsmeldungen überprüft - auch diese Zahl lag mit zwölf Prozent über der des Vorjahres. Knapp jeder dritte Verdacht bestätigte sich, in einem weiteren Drittel stellten die Ämter zumindest fest, dass die Familien Hilfe brauchten, ein Drittel der Hinweise erwies sich als unbegründet. In 27 Prozent der Fälle hatten sich Verwandte, Bekannte, Nachbarn oder anonyme Hinweisgeber gemeldet, in weiteren 27 Prozent kam der Wink von Polizei und Justiz. Es folgten die Kinder- und Jugendhilfe und die Schulen, bei Letzteren gingen die Verdachtsmeldungen aber erstmals und gegen den Trend zurück, wohl eine Folge der Schulschließungen.

Cordelia Nawroth, Kinderschutzkoordinatorin im Jugendamt Berlin-Mitte, konnte in ihrem Bezirk zwar keinen Rückgang an Hinweisen aus Schulen feststellen. Dennoch sieht sie in offenen Schulen und Kitas eine Schlüsselrolle für mehr Kinderschutz in der Pandemie. "Kita und Schule sind häufig eine sehr große Entlastung für die Eltern, aber auch für die Kinder", sagt sie. "Es sind soziale Orte, an denen die Kinder gesehen werden. Und im Lockdown wurden sie eben auf einmal nicht gesehen."

In Berlin-Mitte wohnten viele Familien sehr beengt, sagt Nawroth, im Extremfall mit bis zu acht Kindern in ein, zwei Zimmern. "Das ist wie ein Kessel, in dem sich immer mehr Druck aufbaut. Der explodiert irgendwann." Mitarbeiter des Jugendamts hätten die Familien auch in der Pandemie besucht, am Anfang noch mit selbst gebastelten Masken. "Wir konnten ja nicht einfach zumachen." Sie hätten Notbetreuungsangebote für Schule und Kita organisiert, die Familienhelferinnen seien teilweise mit den Familien spazieren gegangen, hinzu kamen telefonische Beratungen.

Für viele Familien sei es eine schwere Zeit gewesen, sagt Nawroth. "Und ich glaube, dass wir das Ausmaß erst jetzt nach und nach begreifen werden." Mit Blick auf den Herbst und womöglich wieder steigende Infektionszahlen sagt sie: "Man sollte alles versuchen, dass Kinder in die Kita und Schule gehen können." Auch Ministerin Lambrecht betonte, der Anstieg von Kindeswohlgefährdungen sei "ein weiterer wichtiger Grund dafür, künftig Schulen und Kitas geöffnet zu halten", sie hätten "eine bedeutsame Schutzfunktion" für Kinder und Jugendliche, die häuslicher Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch ausgesetzt seien.

© SZ/skle
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