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Satire:"Wir vernachlässigen in Debatten die Zwischentöne"

Der Satiriker Florian Schroeder bei seinem Auftritt am Samstag.

(Foto: Screenshot YouTube)

Der Kabarettist Florian Schroeder spricht bei einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen. Dort zerpflückt er die Argumente der Regierungspolitik-Gegner, vorführen will er sie aber nicht.

Von Christoph Koopmann

Dass Florian Schroeder dieser Tage kaum zur Ruhe kommt, hat mit zwei Videos zu tun. Das erste ist 70 Sekunden lang, und was es an- oder ausrichten würde, hat Schroeder nicht geahnt. Er ist von Beruf Kabarettist, den Clip hat er Mitte Juli aus einer Fernsehaufzeichnung seines aktuellen Programms im NDR ausgekoppelt.

Darin mimt er einen Kritiker der Corona-Maßnahmen, der sich durch Maskenpflicht und Abstandsregeln in einer "Corona-Diktatur" wähnt. Die satirische Überhöhung, die Ironie daran, erkennt allerdings nur, wer sich auch den Rest des Auftritts ansieht. "Ich wollte thematisieren, wie absurd die vielen Verschwörungsideologien sind, die momentan kursieren", sagt Schroeder jetzt, drei Wochen nach Veröffentlichung des Clips bei Facebook.

Er spricht darüber am Montag am Telefon, weil in der Zwischenzeit einiges passiert ist, was am vergangenen Samstag in ein zweites Video mündete, von einem Auftritt auf einer Bühne in Stuttgart. Da hielt Schroeder nämlich eine Rede - bei einer der "Querdenken"-Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen. Allein über seine Facebook-Seite wurde das Video bis Montagmittag mehr als vier Millionen Mal aufgerufen. "Mein Name ist Schroeder. Ich komme aus dem Mainstream", sagt er zu einigen Hundert Demonstranten, die ihn da noch auf ihrer Seite wähnen. Doch dann zerpflückt er elf Minuten lang ein Argument der Regierungspolitik-Gegner nach dem anderen.

Ob sie glauben, die deutschen Medien seien gesteuert, fragt er die Anwesenden. Laute Zustimmung. Dann zählt Schroeder Versäumnisse von Behörden und Politikern in der Pandemie auf. Woher er diese Informationen habe? Aus den Medien, "aus dem Mainstream". Er fragt weiter: Ob sie meinten, in einer "Corona-Diktatur" zu leben? Wieder Zustimmung. "Wenn wir irgendeine Form von Diktatur hätten, dann dürftet ihr euch hier gar nicht versammeln", erwidert er dem Publikum.

Dialektik im Sinne Hegels sei das, sagt Schroeder: These, Antithese, Synthese. Die Buhrufe werden lauter, Schroeders Ton ernster. "Maske auf, Abstand halten, nachdenken", mit diesem Appell tritt er ab. Spätestens da dürfte den meisten Zuhörern klar sein, dass dieser Mann keiner von ihnen ist.

Er schreibt vom "Aufwachen", Kritik an Drosten, dazu reichlich Interpunktion und Emojis

Seinen Anfang nahm es in eben jenem 70 Sekunden langen Video, das vor drei Wochen online ging. "Da bekam ich ungeheuer viel Zuspruch von Verschwörungsideologen, die glaubten, was ich sagte", erzählt Schroeder. Er habe sich gedacht: "Dann spiele ich das Spiel mal weiter."

Auf Facebook schrieb er von da an alle paar Tage über sein vermeintliches "Aufwachen" bezüglich der Pandemie-Politik, dazu Kritik an dem Virologen Christian Drosten und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, garniert mit Geraune über den Einfluss von Bill Gates, reichlich Interpunktionszeichen und Emojis. Alles sollte wirken, als schreibe da der Regierungsgegner Florian Schroeder.

"Recht schnell kam eine Anfrage der Organisatoren von 'Querdenken', ob ich bei der großen Demonstration am ersten Augustwochenende in Berlin auftreten wollte", sagt Schroeder. Er sei schon in der Stadt gewesen und auf dem Weg zur Kundgebung, als die Polizei die Veranstaltung auflöste. Der Auftritt fiel aus, Schroeder bekam seine Chance eine Woche später in Stuttgart. All das dokumentierte er auch für das NDR-Satireformat "Extra 3".

Gerne hätte man vom Organisator der "Querdenken"-Proteste erfahren, ob er Schroeders eigentliche Intention vor dem Auftritt kannte. Doch Michael Ballweg richtet Montagvormittag per Mail aus, ihm fehle die Zeit für ein solches Gespräch, außerdem habe er am Sonntag bei einer Kundgebung in Dortmund bereits über Schroeders Auftritt gesprochen. Da verkauft Ballweg diesen als "ganz vorsichtiges Signal der Annäherung durch den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk" an die Demonstranten. Darüber, dass Schroeder ihn möglicherweise reingelegt hat, spricht Ballweg nicht.

Schroeder betont, er wolle seine Rede nicht als Vorführung der Menschen verstanden wissen, vor denen er da sprach. "Ich wollte aufzeigen, was diese Leute meiner Ansicht nach verlernt haben: sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen, andere Perspektiven einzunehmen, aus ihrer Blase herauszukommen."

Das gelte, in weniger extremem Maß, übrigens für die meisten in unserer Gesellschaft. "Wir alle lassen uns immer mehr zu Reflexen hinreißen und vernachlässigen in Debatten die Zwischentöne", sagt Schroeder. Was er von seinem Auftritt mitgenommen habe? "Dass es sich lohnen kann, mit den Menschen zu reden und sie nicht als 'Covidioten' abzutun", sagt Schroeder. Schließlich haben ein paar Demonstranten am Ende seiner Rede applaudiert.

© SZ vom 11.08.2020/dit

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