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Dänemark:Wende im Norden

Testen als Event: Ein Mann unterzieht sich in der Stadt Ishøj einem Abstrich in einem Bus, der sonst als Party-Gefährt genutzt wird.

(Foto: Mads Claus Rasmussen/AP)

Kopenhagen marschiert voran mit Corona-Lockerungen - und rechnet im Gegenzug mit vollen Krankenhäusern Mitte April.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Dänemark hat nach Monaten strenger Corona-Beschränkungen am Mittwoch die schrittweise Wiedereröffnung der Gesellschaft beschlossen. Unter anderem sollen am 1. März Einzelhandelsgeschäfte mit einer Fläche von bis zu 5000 Quadratmetern im ganzen Land wieder öffnen, ebenso Zoos und Freiluftmuseen für negativ getestete Besucher. Sport soll in Gruppen von bis zu 25 Leuten erlaubt werden und Teile der Schüler in der Region Jütland und auf der Insel Bornholm dürfen zurück in die Schule kehren, wenn sie sich zweimal die Woche testen lassen.

Die Lockerungen wurden beschlossen von den regierenden Sozialdemokraten gemeinsam mit ihren Unterstützerparteien, der bürgerlichen Opposition gingen sie nicht weit genug.

Der Druck aus der Wirtschaft und dem bürgerlichen Lager war stark gewachsen

Die Lockerungen kommen zu einer Zeit, da die Zahl der gemeldeten Infektionen wieder leicht ansteigt, in Dänemark ist seit Kurzem die ansteckendere britische Mutante für die Mehrzahl der Infektionen verantwortlich. Gleichzeitig war der Druck auf die Regierung, mehr und schneller zu öffnen, vor allem aus der Wirtschaft und dem bürgerlichen Lager zuletzt stark gewachsen. Die Maßnahmen wurden in der dänischen Presse als eine Neuausrichtung der Politik von Premierministerin Mette Frederiksen kommentiert: weg vom Vorsorgeprinzip, bei dem es darum geht, möglichst viele Erkrankungen zu verhindern, und hin zu einer Politik des "kalkulierten Risikos", die eine dritte Welle im Frühjahr in Kauf nimmt, solange dabei das Gesundheitssystem nicht kollabiert.

Tatsächlich hatte sich die Regierung im Vorfeld von den Gesundheitsbeamten und Wissenschaftlern des Statens Serum Instituts (SSI) verschiedene Szenarien ausrechnen lassen. Die nun beschlossenen Lockerungen stehen für ein Modell, im dem sich laut SSI die Zahl der stationären Corona-Patienten von im Moment 238 bis Mitte April fast vervierfachen könnte auf dann knapp 900. So viele Corona-Patienten hatten die Krankenhäuser zuletzt auf dem Höhepunkt der zweiten Welle im Dezember behandeln müssen. Dass die Regierung einen solchen Anstieg bewusst in Kauf nimmt, sei "ein Wendepunkt" in der dänischen Corona-Politik, kommentierte am Mittwoch die Zeitung Politiken, und der zunehmenden Corona-Müdigkeit in der dänischen Bevölkerung geschuldet.

Die dänische Regierung fühlt sich zu den Lockerungen auch durch ihr Impfprogramm ermutigt: Dänemark ist europäischer Spitzenreiter bei Corona-Impfungen, die Insassen von Altenheimen etwa sind längst alle geimpft. Dasselbe gilt allerdings noch immer nicht für die Mehrzahl der Menschen über 60 und selbst jener über 70, die neuen Maßnahmen erhöhten also "das Risiko schwerer Erkrankungen" für diese Menschen, schreibt Politiken - ein Preis, der in den Augen der Regierung jedoch gezahlt werden könne, "wenn der Alltag zu etwas Normalität zurückkehren soll".

Die Vereinigung der Krankenschwestern warnt vor einem "Tsunami"

Warnungen vor den neuen Maßnahmen gab es vor allem aus dem Gesundheitswesen selbst. Die Vereinigung der dänischen Krankenschwestern erklärte am Mittwoch, die Krankenhäuser seien unzureichend vorbereitet, und warnte vor einem möglichen "Tsunami" neuer Fälle, der Nationale Gesundheitsrat hatte schon im Vorfeld gemahnt, die Zahl der stationären Corona-Patienten in Dänemarks Krankenhäusern solle 400 nicht übersteigen. "Wir sind genau so weit gegangen, wie die Experten glauben, dass wir es uns leisten können", sagte hingegen Justizminister Nick Hækkerup auf der Pressekonferenz am Mittwoch in Kopenhagen, bei der die Lockerungen vorgestellt wurden.

Experten betonten, das der Öffnung zugrunde gelegte Berechnungsmodell sei mit vielen Unbekannten versehen, unter anderem ist noch zu wenig bekannt über das Verhalten der neuen Mutanten. Viele Politiker in Kopenhagen halten es allerdings offenbar für ein Worst-Case-Szenario, bei dem mögliche positive Effekte eines milden Frühlingswetters noch gar nicht einberechnet seien. Die bürgerliche Opposition forderte auch deshalb noch weitergehende Lockerungen: "Kinder und Jugendliche sind frustriert. Unternehmen und kleine Selbstständige stehen kurz vor dem Bankrott", schrieb auf Twitter der Vorsitzende der Liberalen Partei, Jakob Ellemann-Jensen: "Der Lockdown hat enorme menschliche Kosten. Deshalb sollten wir die Gesellschaft weiter öffnen als die Regierung dies will."

Wirtschaftsvertreter begrüßten die Lockerungen, meinten aber, das dürfe erst der Anfang sein. Dänemark könne sich "keinen verlorenen Frühling" leisten, erklärte etwa Lars Sandahl Sørensen, der Chef des Industrieverbands Danske Industri. Er forderte einen Plan für eine baldige vollständige Öffnung.

© SZ/toz
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