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Protest in Zeiten von Corona:Vermummung erwünscht

Demo Flensburg

Die Aktivistin Hanna Poddig ist zur Expertin für Protest in Zeiten der Corona-Krise geworden.

(Foto: Pay Numrich)

Die traditionellen Ostermärsche sind weitgehend abgesagt. Auch der Protest verlagert sich in Zeiten von Corona ins Netz. Doch einige Aktivisten wollen das nicht hinnehmen - und finden kreative Lösungen.

Von Antonie Rietzschel, Leipzig

Die Hoffnung auf Weltfrieden hat in Ellwangen den Klang einer kraftvollen Frauenstimme. Sie gehört Andrea Batz. Die würde an diesem Samstag normalerweise vor dem Bahnhof stehen und um 10 Uhr Strophen wie diese anstimmen: "Und wenn es nur ein Zeichen ist, dass in Konflikten schlichtet ... Überwindet Gewalt." Das Zeichen ist der Ostermarsch, eine Tradition, die jedes Jahr Hunderttausende Friedensaktivisten auf die Straße treibt. Von Berlin bis Hamburg. Von Chemnitz in Sachsen bis Ellwangen im Osten von Baden-Württemberg. Hier gehen die Menschen seit 19 Jahren auf die Straße. Fast genauso lange eröffnet Batz den Ostermarsch mit dem "Dekadenlied". Die Demonstranten stimmen ein in Batz' Gesang "In diesem Moment fühle ich mich stark und nicht so allein mit meinen Gefühlen", sagt Andrea Batz am Telefon. "Das fällt dieses Jahr aus."

Größere Versammlungen sind in Zeiten von Corona verboten, die Ostermärsche deswegen vielerorts abgesagt. Keine Transparente, keine wehenden Pace-Flaggen, keine Schlachtrufe auf den Straßen. In Stuttgart sollen die Aktivisten Fahnen auf die Balkone hängen. Das Friedensbündnis Oberursel bei Frankfurt pflanzte vor dem Kriegerdenkmal Osterglocken in Form eines Peace-Zeichens. In vielen anderen Städten entschied man sich den Protest in die Sozialen Netzwerke zu verlagern: Fotos von Transparenten werden geteilt, Reden und Musikbeiträge online gestreamt (ein Überblick).

Auch in Ellwangen ersetzt dieses Jahr ein 47- minütiger Zusammenschnitt auf Youtube die sonst zweistündige Demonstration. Ein Umstand, der die Ellwanger in Zeiten der Vereinzelung dennoch näher rücken ließ. Andrea Batz wollte das "Dekadenlied" gemeinsam mit dem Kantor der Kirchgemeinde per Handy einsingen. Doch der Versuch misslang. Da fiel ihnen der Optiker ein. Der war zwar noch nie auf einer Friedensdemo, ist aber Hobbymusiker. Also fanden sich Andrea Batz und Kantor in dessen Studio ein. Der Sohn des Optikers spielte Schlagzeug zu Gesang und Gitarre. Das sonst sehr getragene Lied klingt jetzt wie eine echte Kampfansage. Trotzdem macht sich Andrea Batz Sorgen. Im vergangenen Jahr nahmen in Ellwangen 350 Menschen am Ostermarsch teil - ein Rekord. Sie wisse nicht, sagt Batz, ob man die Leute übers Internet genauso gut erreichen könne.

"Diese Verlogenheit macht mich fassungslos"

Es ist eine Sorge, die auch Hanna Poddig teilt. Sie ist Sprecherin eines Bündnisses gegen das Polizeigesetz in Schleswig-Holstein. "Im Internet ist man sehr in seiner eigenen Bubble", sagt sie. Auch in diesen Zeiten sei es wichtig physische Präsenz zu zeigen. "Ich will trotzdem Widerstand leisten, ungehorsam sein", sagt sie. "Trotz Corona".

Die aussichtslose Lage Geflüchteter auf der griechischen Insel Lesbos, der Klimawandel, rechtsextremer Terror - Anlässe für Protest gibt es reichlich. Ob der nicht nur virtuell, sondern auch auf der Straße möglich ist, hängt derzeit von der Auslegung der Ausgangsbeschränkungen in den einzelnen Ländern ab. In Münster konnten kürzlich 50 Atomkraftgegner gegen einen Uran-Transport demonstrieren. Aber erst nachdem die Aktivisten mit einer Klage gegen das zunächst ausgesprochene Verbot der Stadt gedroht hatten. Das Oberverwaltungsgericht in Dresden wies eine entsprechende Klage ab. Obwohl die Organisatoren versprachen, die Demonstranten auf Abstand zu halten und das Tragen von Mundschutz zusicherten. "Diese Verlogenheit macht mich fassungslos. Es ist richtig vor der Eisdiele in einer langen Schlange zu stehen - aber Demonstrationen gehören verboten?", fragt Hanna Poddig.

Sie selbst hat Ende März eine Demonstration in Flensburg angemeldet. Für Versammlungsfreiheit und gegen Totalüberwachung. Mit Erfolg. Die Stadt Flensburg hatte nur wenige Anmerkungen, verlegte den Treffpunkt auf den Südermarkt, weil der mehr Platz bot zum Einhalten der Abstandsregel. Die Benutzung abwaschbarer Kreide wurde erlaubt, sowie die Vermummung der Teilnehmenden "in Form von Tüchern, Schals oder Atemschutzmasken". Sie werde "in Verbindung mit der aktuellen Pandemielage zur Verringerung der Ansteckungsgefahr begrüßt", hieß es im Bescheid.

Also tat Poddig, was normalerweise auf Demonstrationen verboten ist: Sie band sich einen Schal um Mund und Nase. Viele der 25 Mitstreiter und Mitstreiterinnen taten es ihr gleich. Sie bildeten eine Menschenkette mit 1,5 Meter Abstand voneinander. Einige hielten Transparente in die Höhe. "Zuhause kann nur bleiben, wer ein Zuhause hat". stand auf einem. "Keinen Bock auf Polizeistaat und Überwachung zu haben ist nicht unsolidarisch, sondern fucking notwendig", hatte Poddig auf ihr Pappschild geschrieben. Es war der Versuch vorübergehenden Passanten die Notwendigkeit der Demonstration zu erklären. Manche stellten sich dazu, andere sagten Poddig ins Gesicht, sie sei schuld, wenn die Ausgangsbeschränkungen verlängert würden. "Ich finde es beängstigend, wie wenig Wertschätzung es in einer freiheitlichen Gesellschaft für das Recht auf Demonstration gibt", sagt Poddig.

800 Flugzeuge

Doch je länger das Kontaktverbot besteht, desto mehr Widerstand spürt Hanna Poddig. Sie ist inzwischen so etwas wie eine Expertin für Protest in Zeiten von Corona. An sie wenden sich Menschen, die es nicht einsehen wollen, dass ihre gesunden Großeltern im Pflegeheim geradezu eingesperrt werden, Sportvereine, die mithilfe von Demonstrationen auf ihre Notlage aufmerksam machen wollen. "Die Leute beginnen die Maßnahmen zu hinterfragen, aus unterschiedlichen Motiven heraus." Sie rät dazu Kundgebungen anzumelden und zu sehen was passiert. "Im schlimmsten Fall kommt eine Absage", sagt sie.

Und selbst das hält Aktivisten derzeit nicht von Protesten ab. Vergangenen Sonntag legten einige Schuhe und Plakate vor das Brandenburger Tor in Berlin - eine von der Organisation "Seebrücke" initiierte Aktion, um auf die Situation von Geflüchteten aufmerksam zu machen. In Frankfurt bildeten Menschen eine 600 Meter lange Kette, hielten Schilder hoch auf denen sie "grenzenlose Solidarität" einforderten.

Die Aktivistinnen Helena Aubart und Nicole Pankoke riefen dazu auf Flugzeuge zu basteln und vor Rathäusern niederzulegen. Um so für die Aufnahme von Geflüchteten zu demonstrieren. Die Resonanz der Aktion hat sie selbst überrascht. Aubart und Pankoke bekamen aus 20 Städten Fotos zugeschickt, die sie auf Facebook teilten. In Leipzig, in München, in Bremen - und auch vor dem Bundeskanzleramt in Berlin landeten Dutzende Papierflieger aber auch riesige Modelle aus Pappe. Jemand bastelte sogar ein Flugzeug aus einer Banane.

Am Donnerstag verschickten Pankoke und Aubart ein Päckchen an das Bundesinnenministerium. "Da sind 800 Flugzeuge und 240 Fotos von Fliegern drin", sagt Pankoke. Sie verschickten Briefe an die Bundestagsfraktionen mit der Forderung: "Öffnen Sie die Grenzen! Gewähren Sie Menschen auf Lesbos das ihnen zustehende Recht auf Beantragung von Asyl in Deutschland!"

Wer derzeit protestieren will, muss also derzeit entweder juristisch versiert sein wie Hanna Poddig - oder kreativ wie Helena Aubart und Nicole Pankoke. Ab wann Großdemonstrationen in Deutschland wieder zugelassen sind, ist bisher unklar. In Berlin sieht es derzeit so aus, als würde die traditionelle Demonstration zum 1.Mai ebenfalls verboten. Die Friedensaktivistin Andrea Batz hofft, dass es 2021 wieder einen Ostermarsch in Ellwangen geben wird. Und dass sie dann am Samstag, 10 Uhr, wieder das "Dekadenlied" anstimmen kann.

© SZ.de/afis
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