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Pandemie:Experten warnen vor rascher Lockerung

Coronavirus - Berlin

Medizinisch geschultes Personal nimmt in einer Galerie in Berlin-Mitte einen Mund- und Nasenabstrich für einen Corona-Schnelltest.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

"Öffnungen wären jetzt fatal", sagt die Virologin Melanie Brinkmann angesichts der schnellen Ausbreitung von Mutanten. Corona-Spezialisten fordern eine effiziente Teststrategie und mehr Impfungen.

Von Christina Berndt

Wissenschaftler warnen angesichts der Ausbreitung der neuen Corona-Varianten vor zu schnellen Lockerungen. "Öffnungen ohne neue Gegenmaßnahmen wären jetzt fatal - wir wären in wenigen Wochen erneut im exponentiellen Wachstum und müssten wieder schließen", sagt die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig der Süddeutschen Zeitung.

Sie verweist auf eine neue Analyse ihres Kollegen Michael Meyer-Hermann. Demnach schnellen die Infektionszahlen nach wenigen Tagen drastisch in die Höhe, wenn etwa Schulen oder Geschäfte geöffnet würden. Die britische Variante sei so viel infektiöser als die bisherige Corona-Variante, dass es schon schwierig werde, "mit den derzeitigen Maßnahmen die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten", sagt Brinkmann. Womöglich treibe die neue britische Variante B.1.1.7, die in Deutschland schon einen erheblichen Teil ausmacht, das Infektionsgeschehen bereits voran.

In den vergangenen Wochen war die Zahl der Neuinfektionen immer weiter gefallen und ließ Rufe nach Öffnungen lauter werden. Doch seit einigen Tagen stagniert der Inzidenzwert. "Man freut sich, dass die Inzidenzen nach vielen Wochen nun so ein niedriges Niveau erreicht haben", sagt Clemens Wendtner, Covid-Spezialist von der München Klinik Schwabing. Aufgrund der jüngsten Seitwärtsbewegung der Kurve lasse sich aber "nicht ausschließen, dass wir uns bereits am Fuße der dritten Welle befinden", sagt er. Das sei umso bedenklicher, als das britische Virus B.1.1.7 nicht nur ansteckender sei, sondern auch gefährlicher. Es führe zu mehr Krankenhauseinweisungen, Intensivaufenthalten und Todesfällen als die bisher vorherrschende Variante von Sars-CoV-2.

Nötig seien auch "innovative Apps" zur Kontaktnachverfolgung

Öffnungen müssten daher von klugen neuen Maßnahmen flankiert werden, betont Melanie Brinkmann. Gemeinsam mit der "No Covid"-Initiative internationaler Wissenschaftler hat die Virologin konkrete Vorschläge erarbeitet, mit denen die Unterbindung neuer Infektionen auch angesichts der Mutanten effizient möglich sei und mit denen sich ein weiterer Lockdown verhindern lasse. "Wir brauchen vor allem eine effiziente Teststrategie auch mit Schnell- und Selbsttests, um die Zeit zwischen Infektion und Isolation zu verringern", so Brinkmann, "das macht viel aus." Nötig seien auch "innovative Apps für eine bessere Kontaktnachverfolgung - und mehr Impfungen."

Melanie Brinkmann, Arbeitsgruppenleiterin des Helmholtz Zentrum fuer Infektionsforschung. Berlin, 03.11.2020 Berlin Deut

Virologin Melanie Brinkmann

(Foto: Thomas Trutschel/photothek.de via www.imago-images.de/imago images/photothek)

Vor allem bei letzteren stockt es allerdings. In Sachsen sind nach Informationen der Sächsischen Zeitung noch 2500 Impftermine mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff für diese Woche frei. Der Impfstoff ist nur für unter 66-Jährige zugelassen und wird daher verstärkt medizinischem Personal und jüngeren Menschen mit Vorerkrankungen angeboten. "Wir vermuten, dass diese Zielgruppe noch nicht ausreichend darüber informiert ist, dass es für sie freie Termine gibt", sagt Kai Kranich vom Deutschen Roten Kreuz Sachsen am Donnerstag der Deutsche Presse-Agentur. Das DRK Sachsen schließt aber nicht aus, dass es außerdem eine Verunsicherung wegen der etwas geringeren Wirksamkeit des Impfstoffes von Astra Zeneca gibt. Die großen Organisationen der Ärzteschaft haben Pflegerinnen und Pfleger deshalb am Donnerstag eindringlich dazu aufgerufen, sich impfen zu lassen.

Auch Impf-Experten empfehlen eine Immunisierung mit der Vakzine. Die Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffes betrage bei richtiger Anwendung etwa 80 Prozent, betont Carsten Watzl aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Der Impfstoff schütze aber ähnlich gut vor schweren Verläufen wie die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna, die insgesamt eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent erreichen. Zudem sei es möglich, seinen Immunschutz nach erfolgter vollständiger Impfung mit dem Astra-Zeneca-Vakzin später mit einem mRNA-Impfstoff auffrischen zu lassen.

Recherchen werfen derweil ein neues Licht auf die Vorwürfe gegen die EU, nicht genügend Biontech/Pfizer-Impfstoff bestellt zu haben: Nach Informationen von NDR, WDR und SZ haben die Firmen in ihren Verhandlungen mit der EU zunächst einen extrem hohen Preis verlangt.

© SZ
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