bedeckt München 17°

Corona-Bekämpfung:Hinter dem Stoff

Schönheitschirurgen profitieren von der Maskenpflicht.

Von Jana Stegemann

Die Maskenpflicht nervt viele Deutsche. Doch es gibt auch Menschen, denen sie äußerst gelegen kommt. Schönheitschirurgen beobachten seit einigen Monaten eine überraschend starke Nachfrage nach Lidstraffungen und Lippenkorrekturen. "Es gibt wirklich viele Patienten, die sich freuen, dass wir gerade die Maskenpflicht haben", sagt Murat Dagdelen, er ist spezialisiert auf Nasenkorrekturen - vor Kurzem richtete er die von Schlagersänger Michael Wendler.

Der plastisch-ästhetische Chirurg aus Düsseldorf hat derzeit viel zu tun: Seine Kunden könnten blaue Flecken, Schienen und Tapes gerade gut unter der Maske verstecken, sagt er. Auch eine Sonnenbrille zur Maske sei noch nie so unverdächtig gewesen. Hinzu komme, dass Frischoperierte Blutergüsse und Schwellungen unbemerkt von den Kollegen zu Hause auskurieren könnten - ohne sich freizunehmen. Bei Videokonferenzen "funktioniert" dann eben die Kamera nicht. Wer also während der Pandemie nicht in systemrelevanten Jobs arbeitet und das Land am Laufen halten muss, der kann sich entspannt seinem Äußeren widmen. Um besser auszusehen als die, die sich wegen Krise, Kurzarbeit und Kündigung sorgen.

Home-Office und geschlossene Fitnessstudios hätten bei seiner Kundschaft einen weiteren Trend befeuert: Fettabsaugungen. "Viele haben sich gehen lassen und ungewollt zugenommen. Vor Corona habe ich diesen Eingriff vor allem im Winter durchgeführt. Aber nun fällt oft der Sommerurlaub weg", sagt Dagdelen. Auch Männer fragten häufiger danach. Schon vor Corona ist dieser Eingriff innerhalb eines Jahres um 60 Prozent angestiegen und lag damit 2019 auf Platz drei der beliebtesten Operationen.

"Die Maskenpflicht verändert den Blick in den Spiegel", sagt auch der plastische Chirurg Karl Schuhmann, alles fokussiere sich jetzt auf die Augenpartie: "Lidstraffungen erleben durch Corona einen Boom." Gewünscht wird im Gesicht derzeit alles von Botox- und Hyaluron-Injektionen über minimalinvasive Eingriffe bis hin zur kompletten Gesichtsstraffung. Die Krise habe neue Bedürfnisse geweckt, glaubt Schuhmann: "Viele Patienten merken deutlich, das Leben ist endlich. Darum wollen sie sich Wünsche erfüllen." Die weltweite Pandemie ist eben auch ein Brennglas - jedem sind andere Dinge wichtig.

Dennis von Heimburg ist Präsident der größten Fachgesellschaft von ästhetisch-plastischen Chirurgen in Deutschland und hatte seine 95 Mitglieder zum jährlichen Treffen nach Düsseldorf geladen. Operiert wird auch in Pandemie-Zeiten, aber der Frankfurter Chirurg mahnt zu Bedacht: "Gesundheit geht vor Schönheit."

Als die Kontaktbeschränkungen galten, habe es kurzzeitig eine Verunsicherung gegeben. Doch als die Ärzte und Ärztinnen wieder spritzen, straffen und schneiden durften, habe der Ansturm begonnen. Nur vereinzelt hätten ältere Patienten abgesagt. Nachkontrollen macht Murat Dagdelen jetzt per Videosprechstunde. Trotzdem sind die Wartezeiten lang. Einige Patienten drängeln aber nicht nur wegen der Maskenpflicht - sie wollen auch noch von einer anderen Sache profitieren: der abgesenkten Mehrwertsteuer.

© SZ vom 10.07.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB