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Corona-App:"Ein Spielzeug für die digitale Oberklasse"

In Berlin grassiert das Virus derzeit unter Menschen, die an der neuen App schon wegen fehlender Sprachkenntnisse scheitern. Der Leiter eines Berliner Gesundheitsamts über seinen Alltag fernab von Technologie.

Interview von Jan Heidtmann

In Berlin ist das Coronavirus in den vergangenen Tagen in mehreren Bezirken wieder verstärkt ausgebrochen. Betroffen waren dabei vor allem Sinti und Roma, die in größeren Familienverbänden nah beieinander wohnen. Im Bezirk Neukölln ist deshalb ein ganzer Häuserblock unter Quarantäne gestellt worden, auch im Bezirk Reinickendorf sind einzelne Wohneinheiten betroffen. Patrick Larscheid leitet das dortige Gesundheitsamt.

SZ: Droht die Gefahr, dass sich das Virus von Neukölln oder Reinickendorf weiter in Berlin ausbreitet?

Patrick Larscheid: Das glaube ich nicht. Die betroffenen Familien leben so dicht beieinander und sind gleichzeitig aber auch sehr abgeschottet vom Leben außerhalb, dass ich da keine Gefahr sehe.

Am Dienstag wurde die Corona-App endlich freigegeben - erhoffen Sie sich davon Hilfe?

Ich sehe die App als ein Spielzeug für die digitale Oberklasse. Mit der Realität hier in Reinickendorf hat das nichts zu tun.

Weshalb nicht?

Wir haben hier ein Infektionsgeschehen unter armen Leuten, die schlecht wohnen. Das sind Zustände, wie sie Rudolf Virchow vor 150 Jahren erlebt und bekämpft hat. Hier gibt es sie immer noch. Medizin, das zeigt sich wieder einmal, ist auch politisch: Diese Leute werden immer wieder krank, weil sie so leben, wie sie leben - in ärmlichen Verhältnissen. Und unsereins lädt sich dann die App herunter und fühlt sich gut. Ich empfinde das als eine ziemliche Heuchelei.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Aber gerade digitale Angebote reichen in unterschiedlichste soziale Schichten - ein Smartphone haben viele.

Die Leute haben tatsächlich Handys, aber die App gibt es auf Deutsch und auf Englisch, beides sprechen sie kaum. Sie lesen auch keine Push-Nachrichten der Süddeutschen.

Coronavirus - Amtsarzt Patrick Larscheid

Der Amtsarzt Patrick Larscheid, 53, leitet seit vier Jahren das Gesundheitsamt im Berliner Bezirk Reinickendorf. Die neue Corona-App sieht er aus seiner täglichen Praxis heraus kritisch.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Bringt die App Ihnen bei den Gesundheitsämtern also nichts?

Ich kann nur sagen, dass die Menschen, über die wir gerade in Berlin sprechen, nichts von einer solchen App haben. Wir erwarten uns daher von der App überhaupt nichts.

Bei den derzeit Betroffenen handelt es sich zum großen Teil um Sinti und Roma. Gibt es nur in dieser Gruppe solche Schwierigkeiten?

Nein, das erleben wir mit vielen Menschen, die in eher ärmlichen Verhältnissen leben. Das gilt für Berlin und für ganz Deutschland. Wenn Sie da einen Rädelsführer haben, der sagt, "Corona, das gibt's nicht", dann ist das die Realität, mit der wir bei den Gesundheitsämtern arbeiten müssen.

Wie reagieren Sie?

Wir machen unsere tägliche Arbeit: Wir gehen hin, wir sprechen mit den Leuten, versuchen, Vertrauen aufzubauen. Manche der Leute kennen wir ja schon seit Langem. Das ist eine ziemlich zähe und oft auch undankbare Arbeit. Die ist nie fertig, es ist ein Prozess. An einem Tag haben wir einen guten Kontakt, am nächsten schon wieder nicht.

Hilft Druck?

In unserem speziellen Fall hilft es gar nichts, da autoritär heranzugehen. Da machen die Leute eher zu, als dass Sie irgendetwas erreichen. Das ist ja bei den meisten Menschen so. Und ich werde das Notar-Ehepaar aus dem wohlhabenden Charlottenburg nicht anders behandeln als den armen Schlucker mit kaum noch Zähnen im Mund.

© SZ vom 18.06.2020/leja
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