Wenn sich die Staaten auf der Klimakonferenz präsentieren, ist die Zukunft meistens bunt und schön. Marokko etwa sieht in leuchtenden Farben einer Zukunft mit Wäldern und Windrädern entgegen, während ein paar Meter weiter, am Pavillon von Australien, ein Känguru fröhlich der Klimaneutralität entgegenhüpft. Zwischen den beiden aber steht ein grauer, düsterer Bau. Ein schwarzes Halbrund ist hier entstanden, mitten drin eine konische Form, die sich in den Boden zu bohren scheint. Weiße, nüchterne Buchstaben verraten, wer sich hier präsentiert: die Ukraine.
Noch nie hatte die Ukraine einen eigenen Pavillon bei einem Klimagipfel, an den großen Konferenzen nahm sie meistens als vergleichsweise stiller Gast teil. Jetzt aber, in Scharm el-Scheich, will das Land die Bühne nutzen. Es holt den Krieg auf die Konferenz.
Das Halbrund symbolisiert einen Bombenkrater, die konische Form eine der russischen Raketen, die sich in ukrainische Äcker bohren. Die Rakete ist hohl, an der Wand hängen Bodenproben in Plexiglaskästchen. "Boden ist alles für die Ukraine", sagt Olha Wdowitschenko, die den Pavillon betreut. "Unsere wichtigste Ressource." Nebenan liegen Virtual-Reality-Brillen, deren Bilder an Schauplätze der Zerstörung führen. Auf einem Bildschirm breitet sich eine radioaktive Wolke über Europa aus, simuliert wird eine Kernschmelze im umkämpften Atomkraftwerk Saporischschja.
Zwischen Marokko und Australien steht ein Grauen, das es auf einem Klimagipfel so noch nie gegeben hat.
Im Pavillon werden die Schäden des Kriegs vorgerechnet
Entstanden ist der Bau in der Rekordzeit von zwei Wochen, mit maßgeblicher Hilfe aus Deutschland und der EU. 45 000 Euro etwa gaben deutsche Stellen dazu, weitere 110 000 Euro die EU. "Dieser Pavillon ist ein Symbol der Einheit", sagt Ruslan Strilez, der ukrainische Umweltminister. "Möglich wurde er dank unserer Freunde." Doch nichts daran war einfach. Schon die Reise nach Ägypten war für das ukrainische Team eine Sache von Tagen. Mit dem Bus ins moldauische Chișinău oder nach Warschau, von dort weiter nach Ägypten. Eine der Randnotizen neben den Folgen des Krieges.
Die Bühne im Innern des Pavillons nutzt die Ukraine nach Kräften. Mal wird eine Weltbank-Expertin zugeschaltet, die Schäden des Krieges vorrechnet, mal lädt Strilez zur Pressekonferenz und bezeichnet die anwesenden Journalisten als "Soldaten, die für die Ukraine kämpfen". Der Pavillon ist in seiner Kargheit geradezu ikonisch, aber die Sprache ist voller Pathos. "Die Russen haben unsere natürlichen Ressourcen in eine Militärbasis verwandelt", sagt Strilez. Allein durch Waldbrände seien 16 Millionen Tonnen Treibhausgase entstanden, durch die russische Invasion insgesamt das Doppelte. Findet keine Veranstaltung statt, zeigt der große Bildschirm im Innern des Pavillons mittlerweile die Orte, an denen am vorigen Dienstag russische Raketen einschlugen.
Russland dagegen verhält sich auffällig ruhig bei der Konferenz, in den Verhandlungsräumen, aber auch außerhalb. Im vorigen Jahr, in Glasgow, gab es noch einen großen russischen Pavillon. Diesmal fehlt er, und vor dem Büro der russischen Delegation steht nicht einmal eine Flagge. Als die Delegation zu Anfang der Woche bei einer Veranstaltung "Russlands Ansätze" für den Klimaschutz vorstellen wollte, sprengten polnische Aktivistinnen von "Fridays for Future" die Veranstaltung. "Ihr seid fossile Kriegsverbrecher", riefen sie. "Wir werden euch dieses Forum nicht erlauben." Dann komplimentierten Polizisten die jungen Frauen aus dem Saal.


