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Contra Recht auf Suizidhilfe:Keinen Sterbehilfe-Service schaffen

Psychologische Unterstützung und eine gute Schmerztherapie können alten oder kranken Menschen ihr Leiden erleichtern.

(Foto: Imago Stock&People)

Ob Menschen sich umbringen, hängt auch von ihren Möglichkeiten dazu ab. Statt ein Recht auf Sterbehilfe zu etablieren, sollte daher lieber das häufig unnötige Leid von alten oder kranken Menschen gelindert werden. Was das angeht, war die Debatte im Bundestag ermutigend.-

Kommentar von Nina von Hardenberg

Der Mensch will leben. Inmitten der emotional geführten Sterbehilfedebatte ist es wichtig, sich dies bewusst zu machen. Die allermeisten Menschen wollen, selbst wenn sie schwer krank sind, nicht sterben, berichten Mediziner. Im Gegenteil: Viele kämpfen um jeden Tag.

Aus der Suizidforschung weiß man außerdem, dass selbst der Wunsch zu sterben selten unumkehrbar ist. Er entsteht aus körperlichen oder seelischen Qualen. Viele, die sagen, sie wollen nicht mehr leben, meinen eigentlich, sie wollen nicht mehr so leben, nicht mehr mit diesem Leid.

Pro und Contra Sterbehilfe

Dieser Kommentar argumentiert, warum das Recht auf Sterbehilfe nicht etabliert werden sollte. Lesen Sie in diesem Kommentar von Thorsten Denkler, warum dies sehr wohl geschehen sollte.

Ob Menschen sich tatsächlich umbringen, hängt zudem auch von den Möglichkeiten ab. Darum sollten zum Beispiel Schusswaffen nicht ohne Weiteres verfügbar sein, fordern Experten.

Wer heute ein Recht auf Suizidhilfe fordert, muss sich bewusst sein, dass er damit eine solche Möglichkeit schafft.

Abtreibung nicht vergleichbar mit Sterbehilfe

Die meisten Befürworter argumentieren mit ihrem persönlichen Recht auf Selbstbestimmung. Sie ziehen gerne den Vergleich zur Abtreibungsdebatte in den 70er Jahren. Nach dem Motto, wenn mir mein Bauch gehört, dann doch erst recht auch mein Tod. Doch der Vergleich hinkt.

Damals stand die Abtreibung unter Strafe. Ein Mediziner und auch die Frauen selbst, die eine Schwangerschaft abbrechen ließen, mussten Geldstrafen oder gar Gefängnis fürchten. Der Suizid und auch die Hilfe dazu ist in Deutschland niemandem verboten.

Die Mediziner verunsichert zwar ihr Berufsrecht, das ihnen mancherorts untersagt, Kranken bei der Selbsttötung zu helfen. De facto wurde aber auch nach Standesrecht noch nie ein Arzt verurteilt, der einem Kranken ein tödliches Gift verschaffte.

Wer sich also umbringen möchte, kann das tun. Er darf sogar seinen Arzt bitten, ihm dabei zu helfen. In Umfragen gab mehr als ein Drittel der Ärzte an, sie könnten sich vorstellen, Kranken unter gewissen Umständen beim Suizid zu helfen.

Warum also bitte braucht Deutschland ein Recht auf Suizidhilfe?

Sterbehilfe-Service vermeiden

In dieser Debatte geht es nicht nur um die hochpersönliche Entscheidung eines Einzelnen. Wer Sterbehilfe zu einem normalen Angebot macht, quasi zu einer Krankenkassenleistung, etabliert Strukturen, die auch Menschen offenstehen, die vorher vielleicht nie daran gedacht hätten, sich umzubringen. Man sollte darum keinen Sterbehilfe-Service etablieren.

Andererseits ist es aber übertrieben, die derzeitigen Sterbehilfevereine strafrechtlich zu verbieten. Sie erreichen ohnehin nur sehr wenige Menschen. Unseriösen Schätzungen zufolge sind es jedes Jahr 200. Selbst wenn es doppelt so viele wären, blieben es wenige im Vergleich zu 10 000 Suiziden jährlich. Wer die Sterbehelfer verbietet, löst also das Problem der Suizide nicht. Dafür müsste man schon das Leid selbst bekämpfen.

Es gibt in Deutschland viel zu viel unnötiges Leid - am Lebensende und auch lange davor. Da sind die seelischen Qualen: Alte Menschen werden in den existenziellen Krisen, wie sie Krankheit oder der Umzug ins Heim auslösen können, oft allein gelassen. Bis vor wenigen Jahren verwehrten Krankenkassen ihnen sogar die Psychotherapie, galt sie doch ab einem gewissen Alter als wirkungslos.

Ermutigende Signale aus dem Bundestag

Und da ist körperliches Leid: Es ist ein Skandal, dass allenfalls ein Fünftel aller Sterbenden Zugang zu Palliativmedizin und Hospizhelfern hat, jenen Profis, deren Ziel genau das ist: die Angst und das Leid der Menschen zu lindern.

Es ist ermutigend, dass der Bundestag sich nun anschickt, das Leid am Lebensende zu lindern. In der Debatte am Donnerstag kam fast keine Rede ohne den Verweis auf die Palliativmedizin aus, die gestärkt werden solle. Und so könnten die Abgeordneten hier am Ende tatsächlich Großes bewirken. Dann wäre es fast schon egal, ob sie die organisierte Sterbehilfe verbieten oder nicht.

© Süddeutsche.de/gal/leja
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