Colonia Dignidad "Traumatisiert sind alle"

Der Kartoffelkeller der früheren Colonia Dignidad war der Folterkeller der Sekte. Auf deren Gelände liegt heute ein umstrittener Freizeitpark.

(Foto: Benjamin Hernandez/dpa)

Erstmals haben Bundestagsabgeordnete die einstige Colonia Dignidad besucht. Delegationsleiterin Renate Künast fordert Hilfe für die Opfer der Foltersekte.

Interview von Peter Burghardt

Zum ersten Mal haben Bundestagsabgeordnete die Siedlung der früheren Foltersekte Colonia Dignidad im Süden Chiles besucht. In der abgeschotteten Enklave war unter Leitung des deutschen Kinderschänders Paul Schäfer und zwischenzeitlich der chilenischen Militärdiktatur jahrzehntelang entführt, missbraucht und gemordet worden. Heute wird dort ein Freizeitpark betrieben, Opfer klagen. Angeführt wurde die Delegation des Rechtsausschusses von der Grünen-Politikerin Renate Künast.

SZ: Wie war Ihr Ausflug in die frühere Horror-Siedlung?

Renate Künast: Sehr beeindruckend. Im Bus hatten uns Vertreter der Opfer bereits einiges erzählt. Drinnen sind wir mit den Müttern, die sich um die Verschwundenen kümmern, direkt zu einem der Massengräber und haben Blumen niedergelegt.

Was hat dieses Ambiente der ehemaligen Colonia bei Ihnen ausgelöst?

Es war in jeder Hinsicht bizarr, wir haben intensive Dinge erlebt. Die Gedenkminute im Wald. Die Gespräche mit früheren Siedlern, die draußen sind, und denen, die noch drinnen sind; da gibt es eine Menge Animositäten. Es gab in diesem Freihaus (Versammlungsgebäude; d. Red.) Kaffee, Kuchen und Schnittchen, kurios. An die Bewohner hatte man manchmal die Frage, ob sie sich jetzt distanzieren, da haben wir erschütternde Beispiele aus ihrem Leben gehört. Unser Fazit: Es gibt in dem ganzen Kontext Täter und Opfer, aber es gibt auch sehr viele, die beides sind.

Die neuen Wortführer sind Kinder der alten Riege. Ihr Eindruck?

Frau Schnellenkamp (Tochter eines inhaftierten Colonia-Hierarchen; d. Red.) geht offensiv damit um. Sie sagt auch, dass sie manches erst später erfahren hat. Das mutet uns Deutsche natürlich komisch an, wenn man etwas später erfahren hat. Auf der anderen Seite war das ein abgeschottetes System. Es fiel der Satz, dass es für die Kinder von Tätern keine Sippenhaft geben darf. Traumatisiert sind alle. Bei unserem Gang über das Gelände war auch einer dabei, der in einer Zelle über dem Kartoffelkeller, also dem Folterkeller, isoliert gewesen war, heute ist da eine Werkstatt. Er bekam als Junge Elektroschocks und hörte nächtliche Schreie der Folterungen. Das ist schon Wahnsinn. Ein deutscher Sektenort ließ zu, dass Chiles Geheimdienst folterte.

Müsste man diese Kolonie, die jetzt auf Tourismus macht, nicht zumachen?

Am schärfsten ist die Reaktion von Chilenen, die sagen, das ganze Grundstück müsste ein Denkmal sein. Andere finden, dass verkauft und das Geld an alle verteilt werden muss. Bewohner fragen: Wovon sollen wir leben? Sie hätten Schulden, von einem Auslandsvermögen der Colonia wissen sie nichts. Einer in unserer Gruppe sagte: Auf dem Obersalzberg hat man auch Teile abgerissen und zu einer Gedenkstätte gemacht, und daneben gibt's ein Hotel. Wobei es in der Colonia Massengräber gab. Die Lösung muss gemeinsam mit den Betroffenen erarbeitet werden.

Nach Jahrzehnten des Schweigens und der Komplizenschaft wird Deutschland aktiv. Was empfiehlt Ihre Delegation dem Bundestag?

Wir werden Maßnahmen vorschlagen. Dazu gehört auch die Hilfe bei der weiteren Suche nach Massengräbern und die oral history, also die erzählte Geschichte. Wir müssen das gemeinsam mit Chile sorgfältig aufarbeiten. Es geht um Fragen von Sozialhilfe, Rente und Entschädigungen, wir müssen da kreativ sein. Es wurden auch für Zwangsarbeiter bei uns Stiftungen und Fonds entwickelt. Man kann die deutschen und chilenischen Opfer und ihre Hinterbliebenen nicht alleinlassen.

War der Fall des in Chile verurteilten und nach Deutschland geflüchteten Sektenarztes Hartmut Hopp ein Thema?

Ja. Vor einigen Wochen hat die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Krefeld den Antrag gestellt, das chilenische Urteil gegen Hopp vollstrecken zu lassen. Was auch ein richtiges Zeichen wäre.