Colonia Dignidad Spätes Eingeständnis

Schrecklicher Ort: Der pädophile Paul Schäfer beging in seiner Colonia Dignidad zusammen mit seinen Schergen ungezählte Verbrechen – zumeist ungesühnt.

(Foto: Villa Baviera/dpa)

Den Opfern der Colonia Dignidad in Chile soll nun nach Jahrzehnten geholfen werden, etwa mit einem Fonds.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Es ging auf Mitternacht zu, als der Bundestag am Donnerstagabend die deutsch-chilenische Horrorsekte besprach. Die nahende Geisterstunde passte zum Thema: "Aufarbeitung der Verbrechen in der Colonia Dignidad." Wenige Sitze im Plenum waren besetzt, aber es wurde feierlich und historisch. Einstimmig verabschiedeten alle Fraktionen einen Antrag, der die Bundesregierung dazu auffordert, "nach dem Bekenntnis zu moralischer Mitverantwortung den Worten nun Taten folgen zu lassen".

Viel zu lange hatten Deutschland und Chile so gut wie nichts unternommen, obwohl der Terror in den Anden längst bekannt war. Hinter der Fassade von Folklore, Fleiß und Frömmigkeit wurde in der von Deutschen beherrschten Enklave seit den Sechzigerjahren entführt, gefoltert, gemordet, vergewaltigt und versklavt. Chef dieser sogenannten Colonia Dignidad, Kolonie Würde, war der Kinderschänder Paul Schäfer; er starb 2010 in Haft. Chiles Diktatur ließ in der Colonia Regimegegner massakrieren. Auch chilenische Demokraten und deutsche Politiker, Beamte und Unternehmer standen Spalier.

Einige mutmaßliche Verbrecher laufen trotz internationaler Haftbefehle frei herum

Im April 2016 sprach zunächst der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein Mea culpa im Auswärtigen Amt und ließ Teile der Akten zur Colonia Dignidad öffnen. Anlass war ein Kinofilm. Dann besuchten Abgeordnete, unter anderem Renate Künast (Grüne), das umzäunte Gelände. Das Areal heißt heute Villa Baviera, bayerisches Dorf, und macht auf Tourismus. Ungefähr 100 Kolonisten leben noch dort. Folterkeller, Massengrab und Berichte schockierten die Abgeordneten. Jetzt verlangen CDU/CSU, SPD und Grüne, konkret zu werden. Auch die Linke stützt diese Offensive.

So soll Berlin mit Santiago endlich die Schrecken klären. Auch möge bis zum 30. Juni 2018 geprüft werden, wie auf dem Gelände eine Gedenkstätte entstehen kann und ob den traumatisierten und oft bettelarmen Überlebenden mit einem Fonds zu helfen wäre. Außerdem wünscht man sich, dass strafrechtliche Ermittlungen vorangetrieben und die Besitzverhältnisse der Kolonie geklärt werden.

Aktuell ist es so, dass einige mutmaßliche Verbrecher der Colonia trotz rechtskräftiger Urteile und internationaler Haftbefehle in Deutschland frei herumlaufen, vorneweg der frühere Sektenarzt Hartmut Hopp. Er wurde in Chile wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt und floh 2011 unbehelligt in die alte Heimat. Das Krefelder Landgericht prüft seit einem Jahr ein chilenisches Gesuch, die Strafe hierzulande zu vollstrecken. Gegen Hopp ermittelt wird seit 30 Jahren. Die Akten stapeln sich.

Auch der CDU-Mann Michael Brand hält es für schreiend ungerecht, dass Opfer mit 112 Euro Rente leiden und sich Täter wie Hopp mit Geld und Raffinesse der Justiz entziehen. Mit unter anderem Zwangsarbeit, Waffenhandel und Rentenbetrug hortete die Colonia-Führung ein Vermögen. Auch mit Giftgas wurde experimentiert. Klaus Barthel von der SPD wundert sich über "relativ starke, wirksame Kräfte", die sogar diese parlamentarische Initiative bremsen wollten. Es gebe da "alte Mächte" in Chile und Deutschland.

Der kriminelle Besitz der Colonia werde von den neuen Anführern kontrolliert, sagt der chilenische Opferanwalt Hernán Fernández aus Santiago. Wichtige Zeugen seien von den Kindern der alten Anführer abhängig oder hätten sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland einer neuen Sekte angeschlossen. Fernández spricht von weiteren "kriminellen Strukturen". Deutschland, klagt er, "hätte diese humanitäre Tragödie verhindern können". Dennoch lobt er die Resolution des Bundestags genauso wie der Menschenrechtler Jan Stehle. Das sei ein Meilenstein, sagt Stehle, aber das politische Signal müsse diesmal wirklich gehört werden. Auf der Tribüne saß mit feuchten Augen Werner Schmidtke, der in der Colonia Dignidad jahrelang gequält worden war und nun erlebt, wie die Politik tätig wird.