Die Colonia Dignidad und die BRD:Wahn statt Würde

Lesezeit: 4 min

German delegation visit Villa Baviera, the German settlement know

Offiziell Kartoffelkeller, inoffiziell Folterkammer: Der Untergrund der Colonia Dignidad, Aufnahme aus dem Jahr 2016.

(Foto: Benjamin Hernandez/dpa)

Jan Stehle beschreibt das pseudoreligiöse Zwangssystem des Paul Schäfer in Chile akribisch und arbeitet heraus, warum sich kaum eine Behörde in Deutschland um die Verbrechen in der Colonia Dignidad kümmerte - bis heute.

Von Peter Burghardt

So müsse Theresienstadt gewesen sein, soll der deutsche Konsul gesagt haben, als seine Delegation 1987 die Colonia Dignidad besucht hatte. Der KZ-Vergleich war ihm nachher unangenehm, aber der Termin muss ihn schockiert haben. Eine abgeschottete Deutschensiedlung in Chiles Anden, mit Zäunen, Stacheldraht, Kameras und Hunden.

Die Gäste hatten vom Missbrauch Minderjähriger in der Enklave gehört, von getrennten Familien und adoptierten Kindern. Es hieß, dass einige Mitglieder Pistolen vom Kaliber 7,65 Millimeter besaßen. Die Führungsriege um Paul Schäfer empfing und wies stolz auf ein signiertes Foto von Franz-Josef Strauß hin. Ein Männerchor sang, dem Diplomaten fielen die "starren und ausdruckslosen Augen" der Sänger und stereotype Antworten auf.

Die Colonia Dignidad und die BRD: Jan Stehle: Der Fall Colonia Dignidad. Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961-2020. Transcript-Verlag, Bielefeld 2021. 644 Seiten, 29 Euro. Kostenfreier Download.

Jan Stehle: Der Fall Colonia Dignidad. Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961-2020. Transcript-Verlag, Bielefeld 2021. 644 Seiten, 29 Euro. Kostenfreier Download.

Der Politologe und Menschenrechtler Jan Stehle beschreibt das pseudoreligiöse Zwangssystem in seinem Buch "Der Fall Colonia Dignidad" als eine "nach innen wirkende kriminelle Gemeinschaft und andererseits als nach außen wirkende kriminelle Vereinigung". Das entspricht der chilenischen Rechtsprechung, aber warum wurde so wenig gegen diese kriminelle Organisation unternommen? Weshalb haben deutsche Staatsanwälte in sechs Jahrzehnten keine einzige Anklage in der Causa Colonia erhoben, nicht mal gegen in Chile überführte und nach Deutschland geflohene mutmaßliche Verbrecher?

Die Kolonie Würde heißt inzwischen Dorf Bayern

Stehle findet auf mehr als 600 Seiten Antworten. "Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961- 2020", lautet der Untertitel seiner Dissertation an der FU Berlin. Es geht um einen der übelsten Krimis der Nachkriegszeit, um ein erschreckendes Exempel von Straflosigkeit. Deutschland, schreibt er, sei mitverantwortlich für die Verbrechen der Colonia Dignidad, Kolonie Würde, die inzwischen Villa Baviera heißt, Dorf Bayern.

1961 hatte sich der Laienprediger und Kinderschänder Schäfer aus dem Rheinland nach Südamerika abgesetzt. Die einen folgten bewusst, andere wurden verschleppt. Die Fassade des Auswandererpostens mit seinen gut 300 Bewohnern war die eines skurrilen Musterguts mit Klinik, Landwirtschaft, Volkstanz und Gebet. Fleißig und fromm. In Wahrheit war dies ein sektenartiges Gefängnis mit Folterkammer im Kartoffelkeller, mit Giftküche, Prügelritualen und Bewegungsmeldern. Ein Hort von Mord, Entführung, Vergewaltigung, Psychopharmaka, Elektroschocks, Sklavenarbeit. Von Menschenraub, Gehirnwäsche, Zensur, Rentenbetrug, Waffenschmuggel, Geheimarchiv, schwarzen Konten. Ein Ort der totalen Kontrolle, ein Staat im Staat. Dieser Menschenversuch, von den Behörden lange als sozial eingestuft, hat Familien zerrissen und etlichen Deutschen und Chilenen das Leben zerstört.

Paul Schäfer, 2004

Paul Schäfer, Gründer der Colonia Dignidad, auf einem Foto von 1997. Er starb 2010 in chilenischer Haft.

(Foto: AFP)

Viel wurde über diesen Wahnsinn geschrieben und gesendet, aber außer Betroffenen und Aufklärern wie dem chilenischen Anwalt Hernán Fernández kennt den Skandal niemand besser als Stehle. Er kam erstmals als Austauschschüler Anfang 1990 nach Chile, am Ende der Militärdiktatur. Wer jemals mit dem Gruselstück Colonia zu tun hatte, der weiß, wie schwer es ist, den Überblick zu behalten. Stehle gelingt das als Wissenschaftler und Kenner, die Dichte seiner Studie samt Fußnoten und Zitaten auf Deutsch und Spanisch verlangt Geduld. Oberflächlich wurde dieses Gewaltregime oft genug abgehandelt.

Schäfers Netzwerk bereitete Pinochets Putsch den Weg

Der Chronist dokumentiert sachlich und strukturiert. Er erläutert, wie Sektenführer Schäfer mit Hilfe seiner Getreuen schutzlose Kinder und Jugendliche zugeführt wurden. Wie sein Netzwerk Augusto Pinochets Putsch 1973 den Weg bereitete und ein "Schlüsselakteur des Repressionsapparates" (Stehle) wurde. Diese Deutschen, los alemanes, haben wesentlich zu Chiles Tragödie beigetragen.

Oppositionelle ließ der Geheimdienst in die Kolonie verschleppen, foltern, ermorden; Kolonisten verbrannten Leichen. Die Mörder? Unbekannt. Ein Colonia-Mann verriet Stehle, dass ein Sanitäts-Unimog der Colonia zum Gaswagen für Giftgas umgebaut worden sei. Zum Freundeskreis zählten Politiker, Juristen und Unternehmer aus Chile und Deutschland, unter ihnen der Waffenhändler Gerhard Mertins, Funktionäre der CSU ("Musterbeispiel deutscher Aufbauleistung") - und Hernán Larraín, aktuell chilenischer Minister für Justiz und Menschenrechte. Die Colonia schickte Handwerker in die deutsche Botschaft in Santiago, sie hatte sogar ein Büro am Starnberger See.

Es war der Kalte Krieg, auch Bonn waren Linke im Zweifel verdächtiger als rechte Diktatoren. Politischen und ökonomischen Beziehungen sei "meist der Vorrang vor einer klaren Haltung in Menschenrechtsfragen eingeräumt" worden, stellt Stehle fest.

Eine Mauer des Schweigens bei deutschen Behörden

Er hat jahrelang Akten durchforstet und Gespräche geführt. Er stieß dabei auf Mauern, beim Auswärtigen Amt, bei Staatsanwaltschaften, beim BND. Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte zwar 2016 ein Mea Culpa für einstige Unterlassungen seines Ministeriums, aber Deutschland und Chile schieben sich weiterhin die Verantwortung zu. Für Stehle ein "Ping-Pong Spiel" mit deprimierender strafrechtlicher Bilanz; die Lobbyarbeit der Colonia wirkte.

In Deutschland gab es über Jahrzehnte nicht mal einen Haftbefehl gegen Paul Schäfer, trotz aus der Colonia entkommener Zeugen wie Wolfgang Kneese. Dafür durften Colonia-Anwälte ausufernd gegen Amnesty International und Gruner&Jahr prozessieren. Deutsche Zielfahnder wurden nicht eingesetzt, um Schäfer nach seiner Flucht 1997 zu suchen. Opferanwalt und Medien stießen die Fahndung an, festgenommen wurde er 2005 in Argentinien, Schäfer starb 2010 im chilenischen Gefängnis.

Mehrere andere in Chile Angeklagte oder Verurteilte leben trotz internationaler Haftbefehle in Deutschland, unter ihnen der ehemalige Sektenarzt Hartmut Hopp, Schäfers Nummer zwei. Deutschland, das keine Deutschen in Länder jenseits der EU ausliefert, sei "zum sicheren Hafen" (Stehle) für diese mutmaßlichen Täter geworden. Die Villa Baviera macht als Folklorepark mit Bierfest weiter, von der Bundesregierung 2008 bis 2013 mit einer Million Euro unterstützt. Das habe, so Stehle, "das Fortwirken alter CD-Strukturen in neuer Form begünstigt", dabei dürfte das Schweigekartell Colonia ein Vermögen besitzen. Geschädigte warten trotz vereinzelter Hilfe vergeblich auf Gerechtigkeit.

Hartmut Hopp

Nummer Zwei hinter Schäfer: Dr. Hartmut Hopp, auf einem Foto von 1997. Er lebt unbehelligt in Deutschland.

(Foto: dpa/DPA)

Der Kritiker Stehle fordert, mehr auf die Opfer zu schauen, er mahnt weitere Entschädigungen an, eine Gedenkstätte, Aufklärung. Etliche Delikte sind nach deutschem Recht verjährt, doch Stehle verweist auf den veränderten Umgang mit NS-Verbrechen. Beihilfe zum Mord könnte auch in Sachen Colonia ein gültiger Strafbestand sein. Besonders enttäuscht ist er von der Justiz in Nordrhein-Westfalen, wo etliche Schergen herkamen und manche wieder Zuflucht fanden. Sie ermittelte über Jahrzehnte und stellte sämtliche Verfahren ein. Stehle erinnert an das verstörende Urteil des OLG Düsseldorf von 2018 im Fall Hopp, in Chile verurteilt und in Deutschland straffrei. Die Colonia Dignidad, so hieß es da, sei ja auch wohltätig gewesen.

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