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Claus Heinrich Meyer:Ein Liebhaber der Phänomene

Über Jahrzehnte hat er die Sprache der Süddeutschen Zeitung mitgeprägt. In der Nacht zum Samstag starb Claus Heinrich Meyer in München.

Kurt Kister

Als Claus Heinrich Meyer vor zwei Jahren 75 wurde, händigte er an Menschen, die er der Aktivitätenplanung aus Anlass seines Geburtstages verdächtigte, eine Liste aus. Sie war überschrieben "Meyers Vorletzte Verbote" und enthielt Anweisungen, was er nicht erleben, hören oder lesen wollte, nicht zu jenem 75. Geburtstag, eigentlich gar nicht. Höchstens seien, wie es in einer Fußnote hieß, "Würdigungen zum 17.4.2011" erlaubt. Das wäre sein Achtzigster gewesen. Er hat ihn nicht mehr erlebt. In der Nacht zum Samstag ist er in seiner Wohnung in Schwabing am Krebs gestorben.

Claus Heinrich Meyer zählte zu jenen Journalisten, ohne die die Süddeutsche Zeitung nicht geworden wäre, was sie ist.

(Foto: Foto: SZ-Foto)

Auf jener Verbote-Liste fanden sich Begriffe, mit denen er niemals belegt werden wollte: "No Urgestein. No Querdenker. No Moralist." Das hat einerseits damit zu tun, dass Meyer das üble, das falsche Pathos verabscheute, weil er es in der Jugend zu Nazi-Zeiten im tödlichen Überfluss erlebt hatte. Zum anderen focht er als Mensch und Autor einen hinhaltenden, aber ausdauernden Rückzugskampf gegen die Versaubeutelung sowie die Verschluderung der Sprache und des Denkens. Jeder sitzfleischbehaftete Jubilar wird heute "Urgestein" genannt, jeder Nörgler gilt als "Querdenker". Rigoros äußerte sich Meyer auch über jene, die unablässig vom "Kult", der "Ikone" oder der "Realsatire" schwafeln.

Er fand solche Begriffe leider auch immer wieder in seiner Zeitung, der Süddeutschen, die seit 1965 sein Leben mitbestimmte. War er ungehalten, erhielt man, weniger als Hierarch denn als Konfident, von ihm Brieflein, erst in der Hauspost, später per Fax und noch später auch per E-Mail. Sie begannen zumeist mit der Anrede "Oh, Kurt . . ." und zeigten dann das auf, was so besser nicht in der Zeitung gestanden hätte. Meyer, der Verfasser Tausender Streiflichter sowie ungezählter anderer Artikel in höchst individuellem Stil, hat über Jahrzehnte die Sprache der Süddeutschen mitgeprägt.

"chm" - Kürzel und Rufname

Meyers Kürzel war "chm" und diese drei Buchstaben, gesprochen "ze-ha-emm", waren auch sein Rufname in der Zeitung. Gewiss, etlichen Jüngeren, seien dies Kollegen oder Leser, galt chm mit fortschreitendem Alter als etwas skurril, vielleicht weil seine Texte immer weniger mit der auch im journalistischen Gewerbe um sich greifenden Nutzwert-Philosophie zu tun hatten. Meyer sagte von sich selbst, dass "ich in meinen späteren Jahren den Lesern allerhand zumutete". Der Charme der Süddeutschen besteht auch darin, dass man Leser hat, denen man etwas zumuten kann.

Rein betriebswirtschaftlich gesehen werfen Autoren wie chm wenig Erlös ab. Man kann ihre Existenz und Weiterbeschäftigung über die Pensionierung hinaus nicht mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung begründen. Intellektuell aber, ganz zu schweigen vom Vergnügen des Lesens, hat Claus Heinrich Meyer für diese Zeitung langfristig eine Rendite erbracht, von der jede Heuschrecken-Holding träumen würde.

Meyer war zeit seines Lebens ein Phänomenologe, auch und gerade als er die damals junge Bonner Republik für die Stuttgarter Zeitung beschrieb und analysierte. Die Politik interessierte ihn auch im herkömmlichen Sinne, aber was ihn faszinierte, waren die Inszenierungen, die Rituale, das gemeinsame Verschweigen des Vergangenen, der Wirtschaftswachstums-Tanz - eben das Phänomen Bonn.

Autor und Fotograf

Es reichte ihm dabei nie, die ihn umgebenden Phänomene nur in Sätze und Geschichten zu fassen. Er sah sie, er fotografierte sie und er interessierte sich außerordentlich für die Arbeit anderer, auch prominenter Fotografen. Zum Schreiben sowie zum Sehen und Festhalten der Bilder kam Meyers Leidenschaft für vieles Gedrucktes - Aufsätze, Pamphlete, Flugblätter, Bücher, Bücher, Bücher.

Meyer hielt körperlich Distanz, er war kein Tatscher, Ellbogenberührer, Händeschüttler. Er war diskret und wollte, bis in seine letzten Lebensstunden hinein, so unabhängig, so privat wie nur möglich sein. Wer von ihm Bücher erhielt, der wusste, das dies besondere Geschenke waren. Als er, seit Monaten schon im Kampf gegen die tödliche Krankheit, sein Büro in der Zeitung ausräumte, besprach er mit seiner Frau Cornelia von Seidlein das künftige Schicksal fast jedes einzelnen Bandes in den Regalen.

Ihn, den Leser, Schreiber und Liebhaber der Phänomene, traf es hart, als er vor Jahrzehnten wegen einer Augenkrankheit fürchten musste, blind zu werden. Seitdem trug er eine starke Brille, die ihn eulenhaft, gelegentlich weltabgewandt erscheinen ließ. Letzteres war er ganz und gar nicht, auch wenn er Uneingeweihte verstörte, zum Beispiel indem er ihnen Artefakte zeigte wie ein von Adenauer persönlich angebissenes, längst mumifiziertes Kanapee. Auch dieses Bonner Häppchen ist ein chm-Phänomen.

Claus Heinrich Meyer war ein Kind der deutschen Katastrophe, 1931 geboren, aufgewachsen in einem Pastorenhaushalt in Gelsenkirchen, kinderlandverschickt nach Barby an der Elbe, gezogen zum allerletzten Aufgebot des mörderischen, selbstmörderischen Reiches. Sein Leben lang, bis aufs Sterbebett, verfolgte er, verfolgte ihn die deutsche Geschichte. Er wurde darüber keineswegs schwermütig, sondern blieb zutiefst interessiert und, schreckliches Wort für chm, betroffen. Zum Ernst gehörte aber auch seine Leidenschaft für die Satire, für das Absurde, für die Skurrilität.

Meyer zählte zu jenen Journalisten, ohne die die Süddeutsche Zeitung nicht geworden wäre, was sie ist. In seinen "Vorletzten Verboten" forderte er zwar: "No Tränlein. No Weißt du noch." Doch, heute beides. Claus Heinrich Meyer gehörte zu uns, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

© SZ vom 22.12.2008/vw
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