ProfilDer „Kardinal“ schlägt zurück, gleich doppelt

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Vom Vertrauten des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy zum bitteren Gegner: Claude Gueant am Pariser Gericht, 8. April 2026.
Vom Vertrauten des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy zum bitteren Gegner: Claude Gueant am Pariser Gericht, 8. April 2026. THIBAUD MORITZ/AFP

Claude Guéant war der engste Vertrauensmann von Nicolas Sarkozy – und belastet den früheren Präsidenten Frankreichs nun schwer im Pariser Berufungsprozess.

Von Oliver Meiler, Paris

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Es gab eine Zeit, da trug Claude Guéant den Spitznamen „le cardinal“, der Kardinal. War Guéant Kardinal, dann war Nicolas Sarkozy Papst. Die zwei sehr unterschiedlichen Männer stiegen 2007 Hand in Hand hoch zur Spitze der Macht, ins Palais de l'Élysée, den Sitz französischer Präsidenten. Guéant war Sarkozys Kabinettschef, als der noch Innenminister war. Dann war er dessen Wahlkampfleiter, später Generalsekretär im Élysée, zuletzt selbst Innenminister.

„Wenn ich Schläge einstecken muss für ihn, dann stecke ich sie ein.“

Enger geht kaum. Sie siezten einander, aber solche Förmlichkeiten sind nicht ungewöhnlich in Frankreich. Der Normanne war vor seinem Wechsel in die Politik Präfekt gewesen, ein hoher, grauer Staatsdiener. Er sollte den übermütigen Sarkozy etwas erden – als seine Eminenz im Schatten, als unermüdlicher Vertrauensmann. Guéant hatte den Ruf, bedingungslos loyal zu sein. Er sagte einmal: „Wenn ich Schläge einstecken muss für ihn, dann stecke ich sie ein.“

Nun sind alle Formen weg. Guéant und Sarkozy befehden einander im Pariser Berufungsprozess wegen der mutmaßlichen libyschen Finanzierung von Sarkozys Wahlkampf 2007 mit nachgerade ultimativer Vehemenz. Auf Distanz zwar, weil der 81-jährige Guéant krank ist und von den Verhandlungen dispensiert wurde. Aber ohne jede Schonung. Auf dem staatlichen Fernsehsender France 5 sagte es eine Gerichtsreporterin so: „C'est la guerre.“ Es ist Krieg. Diese Metapher ist unpassend, nennen wir es ein Duell. Und wenn nicht alles täuscht, dann riskiert Sarkozy, es hoch zu verlieren.

Sarkozy und die Gaunerbande

Zur Erinnerung: In erster Instanz war der frühere Präsident zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht war zum Schluss gelangt, dass Sarkozy Mitglied einer Gaunerbande war, die einen „faustischen Korruptionspakt“ mit dem libyschen Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi geschlossen habe gegen Millionen Euro für seinen Wahlkampf 2007. Sarkozy saß deshalb im vergangenen Herbst schon einmal für zwanzig Tage im Gefängnis – eine Premiere für einen ehemaligen Staatschef der 5. Republik, seit 1958 also.

Im neuen Prozess versucht er, seine engsten Vertrauten als die einzigen Gauner in dieser Geschichte darzustellen. Sie hätten alles hinter seinem Rücken verbrochen, behauptet er, ohne sein Wissen. Allen voran Claude Guéant. Vor ein paar Wochen erzählte Sarkozy dem Gericht, sein früherer Intimissimus habe sich offenbar versuchen lassen vom süßen Geld der Korruption.

Der Bruch war brutal und total. Hoffte Sarkozy etwa, dass der kranke Guéant auch diesen Schlag einfach einkassieren würde? Nun, Guéant schlug zurück, gleich doppelt, mit zwei schriftlichen Erklärungen ans Gericht. Was er auch immer getan habe, beteuert er darin, habe er im Dienste Sarkozys getan. Das sei seine Rolle gewesen.

Mit Gaddafi im Beduinenzelt

Guéant schildert ein Treffen von Sarkozy und Gaddafi im Sommer 2007 in einem Beduinenzelt in Tripolis. Es ging dabei auch um den Schwager des Herrschers, um Abdallah Senoussi, den Chefattentäter Libyens. Der war wegen eines Anschlags auf ein französisches Passagierflugzeug in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Gaddafi soll die Franzosen aufgefordert haben, den Haftbefehl gegen seinen Schwager aufzuheben. War das die Gegenleistung für die libyschen Millionen?

Guéant schreibt jetzt, Sarkozy habe sich zu ihm gewandt und gesagt: „Claude, voyez cela!“ Claude, kümmern Sie sich darum! Sarkozy dementiert. Nichts habe er gewusst, nichts angewiesen. Senoussis Haftbefehl, sagt er, sei auch nie aufgehoben worden. Strafrechtlich ist das irrelevant: In Korruptionsfällen reicht schon die Absicht.

Es steht Aussage gegen Aussage. Die Szene ist zentral, das Duell auf seinem Höhepunkt. Guéant verfolge den Prozess ganz genau, sagt sein Anwalt, er sei schockiert von Sarkozys Abkehr. Ob der „Kardinal“ wohl noch mehr erzählen mag?

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