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CIA-Dokumente:Deutscher Geheimdienst schützte Eichmann

Bereits 1958, zwei Jahre bevor israelische Nazi-Jäger den Leiter des "Judenreferats" aufspürten, wussten Deutsche und Amerikaner, dass Adolf Eichmann in Argentinien lebte. Doch sie blieben stumm - aus Sorge um den Ruf eines deutschen Spitzenpolitikers.

Deutsche Geheimdienstmitarbeiter wussten bereits 1958, dass der Kriegsverbrecher Adolf Eichmann unter dem Namen Clemens in Argentinien lebte, und sie informierten darüber den US-Geheimdienst CIA.

Allerdings bemühten sich weder die Deutschen noch die Amerikaner darum, einen der wichtigsten Organisatoren des Holocaust festzunehmen, noch gaben sie ihr Wissen an die Israelis weiter, obwohl die seit Jahren nach dem Nazi-Verbrecher suchten.

Das geht aus Dokumenten der CIA hervor, wie der Historiker Timothy Naftali von der University of Virginia berichtet.

Sorgen um Globke

Die westdeutsche Regierung war Ende der 50er Jahre offenbar besorgt darüber, dass Eichmann nach einer Festnahme wichtige Regierungsmitarbeiter wie Hans Globke belasten könnte, sagte Naftali der New York Times.

Globke war nach dem Krieg Staatssekretär unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) geworden und Ende der 50er Jahre einer der wichtigsten Berater des Bundeskanzlers. Unter Hitler war der Jurist ein wichtiger Beamter im Reichsinnenministerium gewesen und hatte zum Beispiel die Nürnberger Rassengesetze kommentiert.

Als das Magazin Life 1960 die Memoiren Eichmanns veröffentlichen wollte, wurde die Bonner Regierung offenbar erneut bei der CIA vorstellig.

Auf Bitten der Deutschen hin brachte die CIA die Zeitschrift dazu, einen Hinweis auf Globke in den Eichmann-Unterlagen nicht zu veröffentlichen.

Wie das ehemalige Kongressmitglied Elizabeth Holtzman der New York Times sagte, zeigen die Papiere, dass die CIA "keinen Finger gerührt hat", um Eichmann zu jagen.

Israelische Nazi-Jäger spürten Eichmann - zur Überraschung der CIA - trotzdem auf, allerdings erst zwei Jahre später. Sie entführten den ehemaligen Leiter des für die Deportation der Juden zuständigen Referats des Reichssicherheitshauptamtes nach Israel, wo Eichmann der Prozess gemacht wurde.

1962 wurde der ehemalige SS-Obersturmbannführer, der für die Ermordung von etwa sechs Millionen Juden mitverantwortlich war, im Gefängnis von Ramleh bei Tel Aviv hingerichtet.

Die von Naftali untersuchten Papiere gehören zu 27.000 Geheimdokumenten des Geheimdienstes, die kürzlich dem US-Nationalarchiv übergeben wurden.

Die Freigabe war erfolgt, nachdem der Kongress darauf bestanden hatte, Akten über Beamte des Nazi-Regimes zu veröffentlichen, die von den USA als Agenten eingesetzt wurden, berichtet die New York Times.

Seit 1998 untersucht die so genannte Nazi War Crimes and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group (IGW) insgesamt acht Millionen zuvor geheime Dokumente und bereitet sie zur Veröffentlichung vor.

Seit mehreren Jahren weiß man aufgrund dieser Dokumente, dass sowohl das FBI als auch US-Geheimdienste eng mit Ex-Nazis zusammengearbeitet hatten.

Die US-Regierung hatte während des Kalten Krieges offenbar kein Interesse daran, ehemalige Nazis zu jagen, die sich beim Kampf gegen die Bedrohung aus dem Osten als wertvoll hätten erweisen können.

Etliche KGB-Nazi-Agenten in der Organisation Gehlen

Aus den Dokumenten geht allerdings auch hervor, dass die früheren Nazis für die USA selten von Nutzen waren - einige arbeiteten sogar als Doppelagenten für den sowjetischen KGB.

Die Informationen "zwingen uns, uns nicht nur mit dem moralischen Schaden auseinanderzusetzen, sondern auch mit dem praktischen Schaden", der dadurch entstanden sei, dass die USA sich auf Geheiminformationen von Ex-Nazis verlassen hätten, erklärte Holtzman, die auch dem IGW angehört, der New York Times.

Wie Norman Goda von der Ohio University in der US-Zeitung berichtet, zeigen die Dokumente, wie sehr die Organisation Gehlen, der von der US-Armee und der CIA unterstützte erste Geheimdienst der jungen Bundesrepublik, und der daraus entstandene Bundesnachrichtendienst BND vom KGB unterwandert waren.

Offenbar hatten die Russen gleich eine ganze Reihe von Ex-Nazis, die mit dem Segen der Amerikaner in Gehlens Geheimdienst arbeiteten, umgedreht. Bekannt ist etwa der Fall des ehemaligen SS-Offiziers Heinz Felfe, der als Fachmann für sowjetische Gegenspionage arbeitete. Aus Zorn über die Bombardierung seiner Heimatstadt Dresden, so Goda, spionierte Felfe zugleich für den KGB.

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