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Christian Wulff vor Gericht:Wulff selbst spricht von einer "Leidensgeschichte"

Als Beschuldigter, als Angeschuldigter und als Angeklagter hat sich Wulff bislang nicht öffentlich zu diesem Verfahren geäußert. Er hat es nach außen hin ertragen, aber gehadert hat er damit schon arg. Freunde berichten, er habe manchmal von seiner "Leidensgeschichte" gesprochen. Nur ein Freispruch könne ihm Genugtuung verschaffen und den Glauben an das Land zurückgeben. Er setze auf ein unabhängiges Gericht, das die Verfolger wieder in ihre Schranken weise. Das soll er gesagt haben. Seinem väterlichen Freund, dem Unternehmer Egon Geerkens, hat er in den düsteren Tagen im März 2012 diese SMS geschickt: "Dein Satz, ehrlich währt am längsten, bei der Benefizgala im November, muss gelten, sonst verlieren wir beide den Glauben an den Rechtsstaat", schrieb Wulff an Geerkens. Kann ein früheres Staatsoberhaupt den Glauben an den Rechtsstaat verlieren?

Wulff ist Jurist, er war in jungen Jahren zwar Anwalt, aber er ist vor allem Politiker. Ein großer Sachverständiger des Strafrechts ist er vermutlich nicht. Ob er alle Windungen seines Verfahrens juristisch genau beurteilen konnte, ist eher unwahrscheinlich. Freunde berichten, er habe, zeitweise zumindest, die Akten nicht gelesen, um seine Seele nicht zu belasten.

"Seelisch erschüttert"

Aus Sicht von Wulff war es eine "einzigartige Medienkampagne", die gegen ihn lief und ein Exzess bei den Ermittlungen. "Seelisch erschüttert" war er, wie er einmal Geerkens schrieb, als seine Frau Bettina von einem Kriminalbeamten vernommen wurde, der eine Krawattennadel mit Handschellen trug. So etwas gibt es häufiger. Dass das Haus in Großburgwedel in einem kabarettistischen Jahresrückblick als "kackbrauner Klinkerbau" bezeichnet wurde, hat ihn empört. Es gebe "keine Grenze des Anstands" mehr, hat er Freunden gesagt. Wenn Kabarettisten Jahresrückblicke machen, kommen solche Sottisen vor.

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Prozessauftakt gegen Wulff

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22 Termine sind angesetzt, 46 Zeugen sollen vernommen werden, vom Hotelrezeptionisten bis zum Großverleger: Die Verhandlung gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist ein Prozess, wie es ihn noch nicht gegeben hat und hoffentlich nie wieder geben wird. Das ganze Verfahren ist absurd, peinlich und beschämend - für Wulff, vor allem aber für die Staatsanwaltschaft.

Natürlich war das Angebot der Staatsanwaltschaft im Sommer, den Fall nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung still gegen Zahlung einer Geldauflage zu erledigen, eine Verlockung. Wulff hat echte Freunde, und manche haben ihm zugeraten, das Angebot anzunehmen. Kein Prozess, keine Unruhe mehr. Wulff könne sich in aller Ruhe um seine Angelegenheiten kümmern und eine neue berufliche Perspektive entwickeln, argumentierten sie.

Es gab andere Vertraute, die das anders sahen. Wulff lehnte schließlich den 153a ab. Jetzt will er den Freispruch und nimmt die Risiken eines Prozesses in Kauf. Sein Freund, der Filmproduzent David Groenewold, ist mit ihm angeklagt und folgt der Wulff-Strategie. Groenewolds Anwalt, der erfahrene Koblenzer Strafverteidiger Bernd Schneider, ist ein paar Tage vor Prozessbeginn erkrankt und wird durch einen Kollegen vertreten, der sich aber schon eingearbeitet hat.

Ein normaler Fall ist die Sache nie gewesen, es wird auch kein normaler Prozess werden. Wulff will sich rehabilitieren. Wulff wird als Angeklagter vor Gericht reden. Ihm geht es auch, wie er sagt, um die Würde. Solange die Fotografen noch im Gerichtssaal sind, wird der Angeklagte vermutlich stehen bleiben. Das machen Prominente so. Auf Fotos sitzen sie nie auf der Anklagebank.