Christentum Warum der Papst im Korea-Konflikt helfen könnte

2014 war Papst Franziskus zu Besuch in Südkorea. Dort gedachte er Koreanern, die wegen ihres christlichen Glaubens getötet worden sind.

(Foto: Issei Kato/AP)
  • Der Personenkult um den Kim-Clan in Nordkorea duldet keine anderen Götter. Christen im Land beten häufig in Untergrundkirchen und werden verfolgt.
  • Die beiden Koreas haben aber eine lange christliche Tradition.
  • Der Besuch des Papstes könnte den beiden Staaten helfen, an ihre gemeinsame Geschichte anzuknüpfen.
Von Christoph Neidhart, Tokio

Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in ist auf Europareise und wird dem Papst bei seinem Besuch am Donnerstag eine Einladung aus Nordkorea überreichen. Machthaber Kim Jong-un bittet Franziskus darin, er möge seine nominell kommunistische Diktatur besuchen. Das ist nicht so paradox, wie es klingen mag. Vor der Teilung Koreas galt Pjöngjang als "Jerusalem Asiens". Ein Sechstel der Einwohner in der nordkoreanischen Hauptstadt waren Christen, auch Kims Urgroßeltern. Heute bekennen sich offiziell nur etwa 13 000 Nordkoreaner zum Christentum. Die Vereinten Nationen dagegen schätzen ihre Zahl auf 200 000 bis 400 000. Sie beten in Untergrund-Kirchen und werden vor allem seit den Hungerjahren nach 1995 verfolgt, so das Zentrum für Menschenrechte in Nordkorea in Seoul. Eine Mission, die heimlich in Nordkorea tätig ist, schätzt, dass zehn bis 45 Prozent aller politischen Gefangenen des Nordens Christen sind.

Der Personenkult um den Kim-Clan, der Nordkorea seit dem Koreakrieg beherrscht, duldet keine anderen Götter. Er ist selber eine Pseudoreligion, zusammengestückelt aus Versatzstücken des Christentums und der japanischen Kaiserverehrung. Großvater Kim Il-sung, Vater Kim Jong-il und der gegenwärtige Machthaber werden als väterlich, gütig, weise, allwissend und über den Tod hinaus allmächtig dargestellt. Korea hat eine lange Geschichte der Christianisierung und der Verfolgung von Christen. Sie beginnt mit dem Jesuiten Matteo Ricci, von 1601 an Berater des Kaisers in Peking. Er predigte den Chinesen den katholischen Glauben mit den Begriffen des Konfuzianismus. Yi Su-gwang, ein Gesandter des koreanischen Königs, übersetzte Riccis Schriften aus dem Chinesischen und brachte sie nach Korea.

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Unter gelehrten Koreanern fand das Christentum bald Anhänger, und schon 1686, im zwölften Jahr von König Sukjong, seien erstmals ausländische Katholiken nach Korea gelangt, so der amerikanische Missionar Homer Hulbert in seiner Geschichte Koreas. Woher sie kamen, ergab sich aus der zeitgenössischen Chronik nicht, die Hulbert in seinem 1905 erschienenen Buch zitierte. Der Glaube habe sich ausgebreitet, obwohl konfuzianische Traditionalisten ihn zu stoppen suchten. 1758 verbot König Yeongjo das Christentum, seither wogte der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des neuen Glaubens. Der Adel hielt ihn für subversiv, zudem könnten Missionare die Vorhut einer Kolonisierung Koreas sein. 1801 wurde ein Brief abgefangen, in dem ein koreanischer Katholik den Bischof von Peking um militärische Unterstützung für die Christen bat, notfalls mit westlichen Kriegsschiffen. Er wurde hingerichtet, und mit ihm 300 Katholiken. Fortan verfolgte der Staat die Christen, bis 1866 kam es zu vier Wellen der Hinrichtungen und Massaker, mehr als 10 000 Christen wurden ermordet. 1984 sprach Rom 103 von ihnen als "koreanische Märtyrer" heilig.

Christentum zur Modernisierung

Um 1880 erkannte das isolierte Korea, wenn es seine Unabhängigkeit wahren wollte, musste es sich schon wegen seiner strategischen Lage modernisieren. König Gojong wurde nahegelegt, das protestantische Christentum sei "die Basis der westlichen Größe". Fortan hieß Korea Missionare willkommen, vor allem Presbyterianer aus Amerika. China, das Zarenreich, Frankreich und Japan befanden sich in einem Wettlauf um die Kontrolle über die Halbinsel, Tokio zog dafür gegen China und Russland in den Krieg. 1905 verschaffte es sich mit dem sogenannten Tafts-Katsura-Memorandum die Rückendeckung Washingtons. Es versicherte den USA, keine Ansprüche auf die Philippinen zu haben, seit 1902 eine amerikanische Kolonie. Dafür duldeten die Amerikaner, dass Tokio Korea 1905 zum Protektorat machte. Und 1910 als Kolonie einverleibte.

In den sozialen Wirren jener Jahre des Umbruchs breitete sich das Christentum rapide aus, vor allem in den nördlichen Provinzen, wo der Konfuzianismus weniger stark war. Das christliche Dogma, vor Gott seien alle Menschen gleich, kam vor allem bei den Unterschichten an. Die Missionare bauten Krankenhäuser, gründeten Schulen und zivile Organisationen. Pjöngjang wurde zur Stadt der Kirchen. Obwohl die japanische Kolonialpolizei die Mission unterdrückte, konvertierte bis 1945 ein Sechstel der 300 000 Einwohner Pjöngjangs. Viele Christen kämpften im Widerstand gegen die Japaner. Und halfen nach 1945 - im Süden wie im Norden - einen neuen Staat aufzubauen. Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-sung war selbst christlich aufgewachsen. Als Junge ging er jeden Sonntag in die Kirche, sein Großvater war Pastor. Wie weit er sich den Glauben auch als Guerilla-Führer erhielt, weiß man nicht. Sicherlich hätten die Sowjets es nicht geduldet, dass ihr Statthalter in Pjöngjang sich zum Christentum bekannte.

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Während die Kirchen im Norden nach dem Koreakrieg vom Regime geschlossen oder in den Untergrund gezwungen wurden, christianisierte sich der Süden weiter. Syngman Rhee, der erste Präsident, war Methodist. Der spätere Präsident Kim Dae-jung war Katholik, genau wie der aktuelle Präsident Moon Jae-in. Lee Myung-bak ist Protestant. Während der südkoreanischen Militärdiktatur, die bis 1987 dauerte, boten die Kirchen Menschenrechtlern und Regimekritikern einen Rückzugsort. Heute identifizieren sich 30 Prozent der Südkoreaner als Christen. Ihre Mega-Kirchen erinnern an amerikanische Vorbilder, zumal sie auch politisch und wirtschaftlich Macht ausüben. Seit Beginn der Entspannung vorigen Winter bringen sich diese Kirchen in Stellung, den Norden erneut zu missionieren.

An die gemeinsame Geschichte vor der Teilung anknüpfen

Der Widerstand der Koreaner gegen Japan könnte zum kleinsten gemeinsamen ideologischen Nenner der beiden Koreas werden. Zu einem Aspekt ihrer Geschichte, auf den sich Seoul und Pjöngjang ohne Mühe einigen können. Mit einem möglichen Nordkorea-Besuch soll der Papst somit nicht nur Kims Friedenswillen bestätigen und sich mit seiner moralischen Autorität implizit gegen die Sanktionen wenden, er soll den zwei Koreas überdies einen Rahmen liefern, der es ihnen erlauben würde, an die gemeinsame Geschichte vor der Teilung anzuknüpfen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise berichtet, dass die früheren Präsidenten Kim Dae-jung (gestorben 2009) und Lee Myung-bak ebenso wie der aktuelle Präsident Moon Jae-in presbyterianischen Kirchen angehören. Richtig ist jedoch, dass Kim und Moon römisch-katholischer Konfession sind.

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