Anschlag in Christchurch "Ich versuchte, ihn mit dem Gewehr zu stoppen"

Abdul Aziz stellte sich Brenton T. entgegen.

(Foto: AFP)

50 Menschen sind bei den Attacken in Christchurch gestorben. Nun berichten Überlebende von den schlimmsten Momenten ihres Lebens.

Von Felix Haselsteiner, Christchurch

Der Turm der Masjid-Al-Noor-Moschee wird am Samstagabend nur erhellt vom abwechselnd roten und blauen Licht der Signallampen eines Polizeiwagens, der hinter einer Absperrung steht. Davor haben die Bewohner von Christchurch eine improvisierte Gedenkstätte aus Blumen, Kuscheltieren und mit Grußbotschaften versehenen Pappschildern errichtet. Im Halbkreis stehen die Anteilnehmenden nun um diese schaurige Kulisse herum, an einem der zwei Orte, an denen 31 Stunden zuvor ein grausamer Anschlag auf die muslimische Gemeinde Neuseelands verübt wurde.

Wer von der Terrorattacke auf zwei Moscheen in Christchurch berichtet, schreibt natürlich und zu Recht die kaum fassbaren Geschichten der 50 Ermordeten und weiteren 50 Verletzten. Aber es gibt auch die Geschichten derer, die durch ihren mutigen Einsatz Schlimmeres verhindert haben und die einer trauernden Stadt die Hoffnung auf das Gute im Menschen zurückgeben.

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Trauer in Christchurch

Nach der rassistischen Terrorattacke in Christchurch ist die Anteilnahme groß. Die Eindrücke aus Neuseeland.

Einer der Helden von Christchurch ist Mirwais, ein afghanischer Muslim, der seit 2002 in Neuseeland lebt. Er besuchte mit einer Gruppe von Freunden aus der afghanischen Gemeinschaft das Freitagsgebet der Moschee. Zwei von ihnen sind heute tot, drei sind verwundet. Mirwais erzählt trotz der Umstände mit fester Stimme: "Kurz nachdem wir zu beten begonnen hatten, hörte ich die ersten Knaller. Ich habe den Schützen gesehen, als er in die Eingangshalle trat und bin sofort mit vielen anderen in Richtung eines Notausganges an der Nordseite der Moschee gerannt. Alle versuchten, nach draußen zu kommen, daher bildeten sich Gruppen - er schoss zuerst auf die, in der ich war, und traf die Menschen vor mir, die meisten von ihnen waren sofort tot. Dann drehte er sich zu der anderen Gruppe und schoss auf diese. Daher konnte ich aus dem Gebäude rennen und mich verstecken."

Der Mann, der auf Mirwais und dessen Glaubensgemeinde schoss, war der mutmaßliche Terrorist Brenton T., 28, ein Australier mit einem Wohnsitz auf der Südinsel Neuseelands. Wenige Minuten bevor er den ersten Schuss abfeuerte, hatte T. ein rechtsradikales Manifest an verschiedene Mailadressen im Land verschickt, unter anderem an das Postfach der Premierministerin Jacinda Ardern. Außerdem hatte er das Manifest in ein Onlineforum hochgeladen. Dann hatte er sich eine Helmkamera aufgesetzt, einen Livestream gestartet und mit seiner Waffe die Moschee betreten.

Ein Betender warf sich schützend auf einen zwölfjährigen Jungen. Beide überlebten das Massaker

Weil der Schütze nach einigen Minuten zu seinem Auto zurückkehrte, vermutlich um eine andere Waffe zu holen, konnte Mirwais aus seinem Versteck laufen. Er kletterte über einen Zaun auf das Nachbargrundstück, dort blieb er einige Minuten, doch weil er erneut Schüsse hinter sich hörte, flüchtete er weiter und kam schließlich in das Haus eines Nachbarn, in das auch ein anderes Opfer geflüchtet war: "Ich sah einen älteren Mann mit einer Schusswunde in der Hüfte liegen, neben ihm stand sein Sohn und weinte. Ich rief dem Bewohner des Hauses zu, er solle mir ein Handtuch bringen, um die Blutung zu stoppen."

Mirwais wickelte geistesgegenwärtig das Handtuch um den Mann, dann instruierte er dessen Sohn, er solle fest auf die Wunde drücken. In seiner Panik rannte Mirwais anschließend blutüberströmt wieder nach draußen, "ich wollte nach Hause zu meiner Frau und ihr sagen, dass es mir gut geht".