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Chris Christie im US-Wahlkampf:Kandidat mit großer Klappe

Republican U.S. presidential candidate Chris Christie formally announces his campaign for the 2016 Republican presidential nomination during a kickoff rally at Livingston High School in Livingston, New Jersey

Chris Christie kündigt seine Kandidatur an - in der Turnhalle seiner früheren Schule.

(Foto: REUTERS)

Chris Christie galt einmal als volksnaher Kandidat, der nicht lange herumredet. Jetzt tritt er an und hat kaum Chancen. Wie konnte das passieren?

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Chris Christie hat sich nie dafür geschämt, Politik radikal zusammenzuschmelzen, bis nichts mehr außer plakativem Symbolismus davon übrig ist. Deshalb erklärt der Gouverneur von New Jersey an diesem Dienstag nicht in einer großen Sport-Arena seinen Einstieg ins Präsidentschaftsrennen, sondern in der Turnhalle seiner alten Schule in Livingston. Sehr her, wie bodenständig ich bin, soll die Botschaft lauten.

In seiner Rede betont der 52-Jährige aber auch seinen absoluten Willen zu regieren: "Amerikaner sind nicht wütend. Sie sind erfüllt von Angst. Ich bin hier, um euch zu sagen, dass Angst weggespült werden kann durch starke Führung und die Entschlossenheit, Amerika zu führen.

Die Rede hält er ohne Teleprompter, wie seine Mitarbeiter zuvor nicht zu erwähnen vergaßen. Christie, der Kommunikator, der kein Skript für seine Botschaft braucht: "Es gibt eine Sache auf die ihr euch verlassen könnt. Ich sage was ich meine und ich meine was ich sage."

Noch vor einiger Zeit hätte Christies Einstieg den Wahlkampf mächtig durcheinander gewirbelt. Moderate Parteifunktionäre und Medien hatten ihn als jenen Traum-Kandidaten identifiziert, der die Sprache des Volkes spricht - das Gegenmodell zum androidenhaften Mitt Romney von 2012. Sowohl Medien-Mogul Rupert Murdoch als auch Fox News-Chef Roger Ailes beknieten Christie damals zu kandidieren. Als republikanischer Gouverneur im von Demokraten dominierten New Jersey hatte er zudem Latinos, Schwarze und Frauen auf die Seite der Konservativen gezogen.

Die Schrumpfung des Chris Christie

Doch jetzt ist es Mitte 2015, und die Schul-Turnhalle in New Jersey erscheint wie ein passendes Symbol für Christies erstaunliche Schrumpfung. Im Feld der Republikaner muss er kämpfen, nun ist er nur noch Außenseiter. Und selbst daheim in New Jersey stimmen nur noch 30 Prozent seiner Amtsführung zu.

Die Wahrnehmung des mächtigen Gouverneurs hat sich gewandelt, er hat die Kontrolle über sein Image verloren. New Jersey wächst langsamer als der Rest des Landes und schleppt ein gewaltiges Haushaltsdefizit mit sich herum - kein gutes Empfehlungsschreiben für einen republikanischen Kandidaten. Dabei sorgt Christie eigentlich stets dafür, weder Wirtschaft noch Reiche mit Steuern zu belasten.

Der "Bridgegate"-Skandal von 2013, als enge Mitarbeiter Christies ein Verkehrschaos auf der Brücke nach New York arrangierten, um einem politischen Gegner zu schaden, schwebt ebenfalls weiter über dem 52-Jährigen und hinterlässt den Eindruck, dass Christie politisch stärker zupackt, als es seinem Amt angemessen wäre.

Verbale Auseinandersetzungen während seiner Auftritte, einst von seiner PR-Abteilung in Youtube-Videos kunstvoll in die öffentliche Wahrnehmung eingespeist, standen einmal für Christies Schlagfertigkeit; im Kontext einer Kandidatur für das Weiße Haus wirken sie eher brutal als präsidial.

Loses Mundwerk als Stärke und Schwäche

Christies größte Stärke und größte Schwäche sei "sein Mundwerk", wie es Biograf und Reporter Matt Katz jüngst formulierte. Im Wahlkampf wird der Kandidat versuchen, seine rhetorische Ungeschliffenheit zu nutzen, um sich als ehrliche Alternative zum Rest des Feldes zu präsentieren (Slogan: "Sagen, wie es ist")

Damit diese einfache Charakter-Botschaft ankommt, wird sich Christies Wahlkampf vorwiegend auf New Hampshire konzentrieren - dort findet 2016 die zweite Vorwahl statt. Mit dieser Strategie hatte John McCain 2008 (damals im "Straight Talk Express", also einer Art "Tacheles-Bus" unterwegs) den als moderat geltenden Staat gewonnen. Es war das Fundament für den späteren Gesamtsieg.

Christie kommt laut Umfragen in New Hampshire derzeit allerdings nicht unter die Top 5.

Christie und das Gewicht

Seit Chris Christie 2011 zum ersten Mal als Präsidentschaftskandidat im Gespräch war, ist sein Gewicht Teil der Debatte. Würden die US-Bürger einen übergewichtigen Mann zum Präsidenten wählen? Wäre seine Gesundheit ein Thema?

Christie reagiert gelassen auf solche Frage: Seine Ärzte hätten für seinen Wahlkampf gespendet, das beantworte wohl alles. Seit 2013 trägt der 52-Jährige ein Magenband und hat seitdem merklich abgenommen - über Details schweigt er. Der schwerste Präsident war übrigens William Howard Taft (1909-1913) mit einem Gewicht von fast 150 Kilogramm.

© SZ.de/mati/anri
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