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Chinareise der Kanzlerin:Peking hat nichts zu verschenken

Europa sehnt sich nach chinesischen Devisenreserven, mit ihnen ließen sich die Euro-Rettungsschirme weiter aufspannen. Nun wirbt Kanzlerin Merkel in Peking für den Euro. Bei der Fragerunde dazu erntet sie freundlichen Applaus, mehr aber auch nicht: Ihre Gastgeber fordern von Europa "schmerzhafte Entscheidungen".

Deutlicher hätte die Klatsche für Europa kaum ausfallen können. Es ist Donnerstagabend, in der Großen Halle des Volkes sitzen Angela Merkel und Wen Jiabao vor einem gewaltigen Gemälde fliegender Kraniche. Auf der Wand gegenüber geht die Sonne hinter der Chinesischen Mauer unter, Kommunistenkitsch texasgroß. Die Kanzlerin kann kaum noch aus den Augen schauen: Bis Dienstag Euro-Gipfel, dann Integrationsgipfel, am Mittwoch ins Flugzeug nach China und nach der Landung am Donnerstagmorgen sofort auf Euro-Werbetour durch Peking. Das bringt selbst Merkel an ihre Grenzen, sie kämpft mit dem Schlaf.

Neben ihr sitzt der chinesische Ministerpräsident, Herr über drei Billionen Dollar Devisenreserven. Viele in Europa sehnen sich nach dem Geld, mit ihm könnte man die Rettungsschirme wunderbar weit aufspannen. "Merkel wirbt um Hilfe der Chinesen" - so waren viele Vorberichte auf die Reise überschrieben.

Aber jetzt spricht Wen. Klar und deutlich - und gar nicht Diplomaten-Chinesisch wie sonst so gern. "Der Schlüssel zur Bewältigung der Schuldenkrise sind eigene Anstrengungen Europas", sagt der Premier. Er bietet keine konkrete Hilfe an. Dafür fordert er "schmerzhafte Entscheidungen" in den Krisenstaaten. Angesichts der kritischen Weltwirtschaftslage sei die Überwindung der Schuldenkrise in den Euro-Staaten "dringend". Die EU sei die größte Volkswirtschaft der Welt und wichtigster Handelspartner Chinas. Es gehe jetzt nicht nur "um das Schicksal Europas", sondern auch um den ganzen "Rest der Welt". Die Euro-Zone müsse deshalb endlich ihre Hausaufgaben machen. Peking ist an diesem Abend nicht zufrieden mit Europa.

Freundlicher Applaus - mehr aber auch nicht

Dabei hatte Merkel den ganzen Tag damit verbracht, für den Euro zu werben. Am Morgen fuhr sie in die wichtigste sozialwissenschaftliche Akademie des Landes. 4000 Wissenschaftler forschen an der Einrichtung. Viele von ihnen sitzen jetzt im Audimax und löchern Merkel mit Fragen. Wie das gehen soll, gleichzeitig zu sparen und zu wachsen? Warum sich so viele Euro-Staaten nicht an die Schuldengrenzen gehalten haben? Ob das überhaupt funktionieren kann, mit so unterschiedlichen Ländern in einer Währungsunion. Die Kanzlerin schlägt sich wacker. Sie verweist auf den neuen Fiskalpakt. Sie sagt, Europa sei in der Krise weiter zusammengewachsen. Und sie spricht sich für weitere Schritte in Richtung Union aus. Am Ende bekommt sie freundlichen Applaus, mehr aber auch nicht.

Mittags hat die Kanzlerin die Haute Volee der Finanzwirtschaft zum Essen in den feinen "China Club Beijing" geladen. Der Gouverneur der Zentralbank und die Chefs aller wichtigen Banken des Landes sind gekommen. Doch das Treffen endet ohne Zusagen. Am Nachmittag fährt Merkel dann zu Wen in die Große Halle des Volkes am Tiananmen-Platz. Nach der militärischen Begrüßung sprechen Merkel und Wen lange über die Euro-Krise. Das Ergebnis ist die Pressekonferenz am Abend.

Die Kanzlerin reist nicht unvorbereitet. Ihr war vorher klar, dass sie nicht einfach mit Koffern voller China-Milliarden nach Hause fahren wird. Merkel versuchte deshalb, bereits beim Abflug den Eindruck zu zerstreuen, sie reise mit flehenden Augen als Bittstellerin nach Peking. Dass die Werbetour für die Stabilität der Euro-Zone aber mit derart geharnischter Kritik endet, hätte kaum einer gedacht. Außer der nebulösen Ankündigung, China denke darüber nach, über die Euro-Rettungsschirme "mehr an der Überwindung der Schuldenkrise mitzuwirken", war dem Premier nichts zu entlocken.

Den Chinesen kommt Merkels Art sehr entgegen

Die Chinesen haben aber auch nichts zu verschenken. Die Führung muss auf die Wahrnehmung im eigenen Land achten: In einem Staat, in dem der Durchschnittslohn ein Zehntel des deutschen Verdiensts beträgt, kann die Spitze nicht leichtfertig Milliarden nach Europa verschieben. Außerdem ist Chinas Führung nicht dafür bekannt, ohne strategisches Kalkül und Aussicht auf gebührenden Ertrag zu investieren.

Peking wird deshalb die Schwäche vieler Euro-Staaten eher dazu nutzen, industrielle Filetstücke zu kaufen, die es in normalen Zeiten nie erwerben könnte. Der Hafen von Athen gehört bereits Chinesen, demnächst könnte Portugals größter Energieversorger in die Hände der Asiaten fallen. Falls dann noch Geld übrig sei, würde Peking vermutlich lieber afrikanische Kupferminen kaufen, als sich mit großen Summen an den Euro-Rettungsschirmen zu beteiligen, glaubt man in der Bundesregierung.

Als Vertreterin Europas hat Merkel in Peking jetzt den Unmut der Chinesen erleben müssen. Als deutsche Kanzlerin darf sie aber ganz zufrieden nach Hause fahren. Merkel konnte in Peking erleben, dass sie die Vertrauensperson Chinas in Europa geworden ist. Den unaufgeregt, effizient und nach langer Überlegung entscheidenden Chinesen kommt Merkels Art sehr entgegen.

Außerdem wurde in Peking genau wahrgenommen, wer den Fiskalpakt für mehr Haushaltsdisziplin durchgesetzt hat. Und so fährt die Kanzlerin mit der Hoffnung heim, dass aus Wens Andeutung, vielleicht irgendwann einmal den europäischen Rettungsschirmen beispringen zu wollen, Realität werden könnte - irgendwann.