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China:Wenn Träume nervös machen

A poster with a portrait of Chinese President Xi Jinping overlooks a street in Shanghai

Oben die alten kommunistischen Sprüche, unten der neue Wohlstand: Ein Plakat wirbt in Shanghai für den Parteitag mit dem Satz "Haltet die Disziplin aufrecht!"

(Foto: Aly Song/Reuters)
  • Chinesische Investitionen in der EU sind im vergangenen Jahr um 77 Prozent auf mehr als 35 Milliarden Euro gestiegen.
  • Künftig sollen überall auf der Welt Infrastrukturprojekte gefördert werden: Häfen, Eisenbahnen, Straßen und Flughäfen.
  • Mehr als eine Billion Dollar will Chinas Führung dafür in die Hand nehmen.

Das Ende der Seidenstraße liegt in Duisburg. Der chinesische Traum, sie träumen ihn auch hier. Na ja, sagt Johannes Pflug, "ich arbeite daran". Dem gemeinen Duisburger ist das nämlich noch nicht so geläufig, dass in seine Stadt nun die neue Seidenstraße münden soll. Duisburg das neue Konstantinopel? Ein wenig Fantasie braucht das schon.

Immerhin: Größter Binnenhafen der Welt ist Duisburg längst. Jetzt kommen hier jede Woche 25 bis 30 Güterzüge aus China an. Und das soll erst der Anfang sein. Johannes Pflug war einmal Bundestagsabgeordneter, nun ist er der einzige China-Beauftragte einer deutschen Stadt. Pflug hat einen Traum: "Was Düsseldorf für die Japaner ist, soll Duisburg für die Chinesen sein." Die Deutschen träumen ein wenig bescheidener.

Anders die Chinesen. Als Xi Jinping, Chinas starker Mann, 2012 antrat, da wollte er nicht weniger als die "Wiedergeburt der chinesischen Nation". 200 Jahre Niedergang sollen endlich vorbei sein. Xi sieht sich auf einer historischen Mission. Am gestrigen Mittwoch stellte er seinen "chinesischen Traum" in den Mittelpunkt seiner Parteitagsrede: Bis Mitte des Jahrhunderts soll China eine "starke Macht" sein, in der Lage, die Welt politisch und wirtschaftlich anzuführen.

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Aber nein, fügte er beruhigend hinzu, ein Hegemon wolle man nicht werden. Die Parteipresse assistiert: "China ist ein erwachender Löwe", schreibt China Daily, das Propagandablatt für Ausländer, "aber es ist ein friedlicher, ein freundlicher, ein kultivierter Löwe." Sie wissen um den Argwohn da draußen in der Welt.

Chinas neuer Schwung hat viel mit der Schwäche von Trumps Amerika zu tun

Die Ziele sind atemberaubend ambitioniert. Aber China hat einem schon mehrmals den Atem geraubt. Mao Zedong, sagen sie in China, habe Chinas Feinde besiegt, Deng Xiaoping habe es reich gemacht - und Xi Jinping macht es nun stark. Mit einem Mal stehen Xis nationalistische Visionen und die politischen Ziele im Zentrum, nicht mehr die Wirtschaft wie noch unter Deng. Und noch etwas: Deng Xiaoping hatte seinem Land außenpolitische Zurückhaltung befohlen. Das ist vorbei.

Xis China marschiert mit großen Schritten in die Welt. Das Land scheut sich nicht länger, seine Macht zu zeigen, die Nachbarn im Südchinesischen Meer sehen das mit zunehmender Nervosität. Die "neue Ära", die Xi am Mittwoch angekündigt hat: Auf der internationalen Bühne soll es die Ära Chinas werden. "Zum ersten Mal steht China im Zentrum der Welt", heißt es in einer Propagandadoku, die das Staatsfernsehen vor dem Parteitag ausstrahlte: "Xi hat unser Land auf einen neuen historischen Kurs geschickt."

Und natürlich hat Chinas neuer Schwung auch mit der Schwäche der USA zu tun. Wo immer Donald Trump ein Vakuum hinterlässt, stößt Xi Jinping geschickt hinein. Wenn Trump seine asiatischen Alliierten im Stich lässt, dann baut sich China vor ihnen auf, lockend und drohend zugleich. Wenn Trump sich von Freihandel und Klimaabkommen abwendet, dann bietet sich Xi als neue Lichtgestalt an.

Sein Auftritt vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar, wo Xi den Anti-Trump gab und Kooperation und Öffnung versprach (während er zu Hause in Wirklichkeit sein Land wirtschaftlich und ideologisch abschottet), war ein Meisterstück politischer PR. Die Botschaft: Wir wollen jetzt die Welt mit anführen. Mit neuen Institutionen wie der Asiatischen Infrastrukturinvestitionsbank baut China eine neue Infrastruktur auf außerhalb der etablierten, vom Westen geschaffenen globalen Organisationen.