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Tiananmen-Massaker:China besteht aus Menschen, die Angst machen, und denen, die Angst haben

Es ist falsch, dass manche ausländische Regierungen und Unternehmen aus wirtschaftlichen Interessen ihr Schweigen zu den Geschehnissen von 1989 damit rechtfertigen, die Geschichte sei für viele Menschen im Land kein Thema mehr. Nach derart traumatisierenden Ereignissen dauert es häufig Jahrzehnte, bis ein Volk sich damit auseinandersetzen kann. Eine Gesellschaft kann sich nur an so viel erinnern, wie sie in der Gegenwart erträgt - und braucht.

Die meisten Chinesen verdrängen, um mit dem unerbittlichen Tempo des Wandels mithalten zu können. Viele wollen am Wohlstand teilhaben und die neue Welt mitaufbauen, die um sie herum entsteht. Doch ihr Vergessen ist immer nur ein Schulderlass auf Zeit.

Auch China wird eines Tages eine öffentliche Erinnerungskultur entwickeln müssen. Sie wird von einer Generation erzwungen werden, die das laute Schweigen nicht mehr ertragen kann. Erst wenn die chinesische Gesellschaft es schafft, das Leid der Opfer anzuerkennen und das Geschehene zu einem Teil des nationalen Selbstbild Chinas werden zu lassen, wird die Nation das Trauma von 1989 überwinden können.

Bis dahin bleiben jenen Menschen, die sich nicht fürs Lügen, Relativieren oder Verstellen entschieden haben, nur ihre eigenen Erinnerungen. Sie können sich aber sicher sein: Die Regierung wird eines Tages Rechenschaft ablegen müssen über ihre Taten.

Im Ausland muss über das Tiananmen-Massaker gesprochen werden dürfen

Das fürchtet auch die chinesische Führung. Genau deswegen geht sie derart gnadenlos mit Kritikern und Opfern ihrer Politik um. Das Land besteht aus Menschen, die Angst machen, und denen, die Angst haben. Die Führung steht dabei nicht immer auf der gleichen Seite.

Die Aufarbeitung der Ereignisse von 1989 ist eine Aufgabe, die niemand der chinesischen Gesellschaft abnehmen kann. Solange aber die Archive verschlossen und Debatten im Land unmöglich bleiben, muss das Ausland der Ort sein, an dem Menschen über 1989 sprechen oder publizieren dürfen - ohne Furcht vor den Übergriffen Chinas.

Die Zensur von Aufsätzen zum Thema, wie sie von ausländischen Verlagen vorgenommen wurde, ist nicht hinnehmbar. Es ist gefährlich, wenn ausländische Regierungen und Firmen anfangen, die Ereignisse in China zu relativieren oder zu leugnen. Das Verschweigen durch den Staat ist ein Zeichen für dessen ungebrochene Macht. Diese kann ihm im Land nicht genommen werden. Wer sich aber im Ausland damit gemein macht, ist mitschuldig.

© SZ vom 03.06.2019/gal
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