China Peking protestiert in Paris

Empört zeigte sich die chinesische Gemeinde bei Demonstrationen in Paris.

(Foto: Michel Euler/AP)

"Der Fall Liu": Tod eines Familienvaters durch eine Polizeikugel empört die chinesische Gemeinde in Frankreich und belastet die Beziehungen beider Länder.

Von Christian Wernicke, Paris

Der Tod eines chinesischen Familienvaters belastet die Beziehungen zwischen Paris und Peking. In ungewöhnlich scharfen Worten forderte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums am Dienstag die französischen Behörden auf, "die Sicherheit und Rechte chinesischer Staatsbürger" zu garantieren. Frankreich, so Peking weiter, stehe in der Pflicht, "voll und ganz die Umstände aufzuklären", wie und warum der 56-jährige Shaoyo Liu am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen worden ist. Die französische Polizei spricht von "Selbstverteidigung" der Beamten, die Familie des Toten wirft einer Sondereinheit willkürliche Gewalt vor.

Der "Fall Liu" erzürnt die im Raum Paris lebende chinesische Gemeinschaft. In der Nacht zum Dienstag kam es bei Protesten vor einem Polizeirevier im Nordosten von Paris zu Ausschreitungen. Etwa 150 Demonstranten skandierten "Mörder" und setzten ein Auto in Brand. Sprecher der chinesischen Minderheit werfen der Polizei seit Jahren vor, sie schütze Mitbürger asiatischer Herkunft nicht gegen rassistische Gewalt. Voriges Jahr war ein Chinese von Jugendlichen arabischer Herkunft in Aubervilliers, einer Vorstadt im Norden von Paris, überfallen und getötet worden. Während eines Protestmarsches von 15 000 Menschen hatten Teilnehmer beklagt, Chinesen fühlten sich "behandelt wie früher die Juden". Franzosen hätten das Vorurteil, "dass Chinesen immer reiche Händler sind, bei denen was zu holen ist", sagte eine Sprecherin. Die Zahl der Anzeigen wegen Überfällen auf Chinesen hat sich voriges Jahr verdreifacht.

Der Tod vom Sonntag schürt neues Misstrauen. Nach Behördenangaben hatte ein Nachbar wegen Ruhestörung und eines vermuteten Familienstreits die Polizei gerufen. Beamte einer Einheit zur Bekämpfung organisierter Kriminalität hatten Zugang zur Wohnung verlangt. Als die Familie nicht öffnete, habe man die Tür aufgebrochen. Shaoyo Liu habe "mit einer Stichwaffe" einen Beamten angegriffen und an der Achsel verletzt und in die Brust stechen wollen. Nur dessen Schutzweste habe schwerere Verletzungen verhindert. Als der Vater von vier Kindern erneut habe zustechen wollen, habe ein anderer Polizist geschossen und den Mann in die Brust getroffen. Zwei Stunden später erlag der Mann seinen Verletzungen.

Nach Darstellung der Familie hat sich der Vorfall völlig anders abgespielt. Nachdem die Polizei mehrmals laut an die Tür geklopft hatte, so berichtete eine Tochter der Familie dem Parisien, sei der Vater in den Hausflur gestürmt und habe laut "Ruhe" verlangt. Der Vater habe eine Schere in der Hand gehabt, weil er in der Küche Fisch zubereitet habe. "Aber es half nicht", schilderte die Tochter den Moment, "sie haben die Tür aufgebrochen, der Schuss ist gefallen und mein Vater lag auf dem Boden". Eine ähnliche Darstellung der Familie wurde am Dienstag auch im chinesischen Fernsehen verbreitet.

Die französischen Behörden leiteten interne Ermittlungen ein. Aus Kreisen der Polizei verlautete, der getötete Vater sei schon vor vier Jahren auffällig geworden, als er Computer-Teile aus dem Fenster geworfen habe. Die chinesische Gemeinde bei Paris erwägt für das Wochenende neue Proteste.