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China:China ist nicht so durchformiert, wie es scheint

Diese Faktoren sind die Wurzeln von Konflikten, die es anderswo in Ostasien so nicht gibt. Die Ungleichzeitigkeit des Wirtschaftsfortschritts führt zu sozialen Reibungen und zu weltweit fast beispiellosen Unterschieden zwischen Arm und Reich. Die Ausradierung großer Teile chinesischer Kulturtraditionen hat ein Defizit an seelischer Orientierung zur Folge. Das Beharren auf totalitärer staatlicher Repression desillusioniert die neue bürgerliche Mittelschicht, so zufrieden sie mit den gewaltigen wirtschaftlichen Fortschritten des Landes selbst auch sein mag.

China ist also nicht die durchformierte Gesellschaft, als die es erscheinen will. Das führt Osnos seinen Lesern plastisch vor Augen. Seine Gesprächspartner, die der Leser Schritt für Schritt fast persönlich kennenlernt, repräsentieren überraschende Phänomene wie die neue Religiosität, oder auch Korruption als jahrtausendealtes Problem Chinas (dieses Kapitel übrigens ist ein wirkliches Muss!), das wachsende Bewusstsein für Recht und Unrecht selbst in den abgelegensten Ecken des riesigen Landes, und die Zweifel an der Legitimität der kommunistischen Herrschaft, die Risikobereitschaft von Menschen, die sich als Individuum entdecken, die Härte der "Tiger-Mamas" bei der Erziehung ihres (einzigen) Kindes.

Träume und Ideen werden prägender sein als Parteivorgaben

Wenn der Westen beobachtet, wie China sich fortentwickelt, tut er gut daran, nicht nur auf Zahlen und expandierende außenpolitische Ansprüche zu schauen, sondern mit Evan Osnos darauf zu achten, was diese Entwicklung für die Menschen bedeutet, und was deren Perspektiven, Ängste und Hoffnungen sind. Denn sie sind es, die uns in Zukunft mehr beschäftigen werden, als der Traum eines noch so mächtigen Parteigeneralsekretärs.

China ist, zeigt Osnos, eine immer pluralistischere Gesellschaft mit Reichtum an vielen Träumen, vielen Ideen und Persönlichkeiten, der Chinas Zukunft sehr viel eher prägen wird als die Männer an der Spitze.

Deren einzige Antwort auf die Umbruchprozesse ihrer Gesellschaft ist es, die Zügel anzuziehen, Gedankenfreiheit zu verbieten und die Wirtschaftskraft weiter anzuheizen, was immer die Konsequenzen für Gesellschaft und Umwelt sind - ein "Glücksspiel", nennt Osnos es. Der Weg Chinas wird deshalb noch über große Hindernisse und Konflikte führen.

So ist es folgerichtig, wenn am Ende des Buchs nicht einer der Gewinner des chinesischen Aufbruchs steht, von denen wir im Westen uns immer gern erzählen lassen, sondern einer der Verlierer, enttäuscht und stolz, schwankend "zwischen Angeberei und Selbstmitleid". Er führt Osnos zum entscheidenden Dilemma von Xis China: die Frage nach der Authentizität des chinesischen Lebens heute - und genau auf diese Frage gibt es keine Antwort.

Volker Stanzel war Politischer Direktor im Auswärtigen Amt und deutscher Botschafter in China sowie, bis 2013, in Japan. Er lehrte Politik an der University of California und arbeitet heute für den European Council on Foreign Relations.

© SZ vom 18.08.2015/ewid

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