Süddeutsche Zeitung

Indien, China und Russland:Gipfel mit Giganten

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Beim asiatischen SCO-Treffen in Samarkand soll Indiens Premierminister Modi zum ersten Mal seit 2019 auf Chinas Staatschef Xi treffen, auch Gespräche mit Putin sind geplant: Es werden Signale auch für die westliche Welt.

Von David Pfeifer, Bangkok

Es ist ein doppeltes Gipfeltreffen, das sich in diesen Tagen zwischen Indiens Premierminister Narendra Modi und Chinas Staatspräsident Xi Jingping abspielen soll. Denn vor dem Treffen der sogenannten Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (Shanghai Cooperation Organisation, SCO) am 15. und 16. September in Samarkand, Usbekistan, mussten erst die Missstimmungen der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt in eisigen Höhen im Himalaja beseitigt werden.

In den vergangenen zwei Jahren hatten die beiden größten Armeen der Welt immer mehr Truppen in ein abgelegenes Gebiet, nach Ladakh, entsandt, mehrere Soldaten auf beiden Seiten wurden getötet. Am vergangenen Freitag nun verkündete das indische Außenministerium, dass sich indische und chinesische Soldaten bis zum 12. September aus dem umstrittenen Gebiet zurückziehen. Am Dienstag wurde Vollzug gemeldet und auch von chinesischer Seite bestätigt, nach mehreren Gesprächsrunden zwischen hochrangigen Militärs.

Der Rückzug war offensichtlich Teil der Bemühungen Delhis und Pekings, eine Eskalation zu vermeiden - und Gespräche wieder möglich zu machen, auch auf höchster Ebene. Chinesische Staatsmedien meldeten dann am Dienstag, dass Xi Jingping zu seinem ersten Auslandsbesuch seit dem Ausbruch der Pandemie in Kasachstan eingetroffen sei. Modi und Xi bewegen sich also langsam aufeinander zu.

Indien in neuer Rolle aufgrund des Ukraine-Kriegs und der Pandemie

Narendra Modi findet sich durch den Krieg in der Ukraine und die veränderte Weltordnung nach der Pandemie in einer neuen Rolle wieder. Indien ist von Russland abhängig, was die Wehrhaftigkeit der eigenen Armee angeht. Etwa 60 Prozent der indischen Rüstungsgüter kommen aus Russland, teilweise stammen sie noch aus Zeiten der Sowjetunion. Indien bezieht auch viel Düngemittel aus Russland und liefert Lebensmittel. Und seitdem die Energiepreise für Treibstoff aus Russland gefallen sind, deckt sich Delhi dort günstig ein. "Der Handelsumsatz erreichte in der ersten Jahreshälfte 2022 11,5 Milliarden Dollar und stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um fast 120 Prozent", meldete der Kreml der Nachrichtenagentur Reuters.

Indien hat sich so in kurzer Zeit zum zweitgrößten Ölkunden Moskaus entwickelt, nach China. Beide Länder tragen so dazu bei, die Auswirkungen der westlichen Sanktionen auf Russland abzufedern. Und beide Länder haben Moskaus Vorgehen in der Ukraine trotz des Aufschreis im Westen nicht öffentlich kritisiert.

Die Nachrichtenagentur Asian News International (ANI) meldete am Mittwoch, dass Modi am Rande des SCO-Gipfels in Samarkand auf jeden Fall bilaterale Gespräch mit Wladimir Putin führen werde. "Die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen der SCO ist eine wichtige Frage", erklärte Manish Prabhat, der indische Botschafter in Usbekistan, gegenüber ANI. "Wir diskutieren über die wechselseitigen Verbindungen, die den Handel, die Investitionen und andere Formen des Austauschs zwischen Indien und den zentralasiatischen Ländern fördern werden."

Ein gigantischer Markt, der gut ohne Europa und die USA auskommen kann

Der Streit zwischen Indien und China wiederum entzündete sich zwar im Himalaja, hat aber ebenfalls einen wirtschaftlichen Hintergrund. In Delhi blickte man lange neidisch und skeptisch auf die boomende Wirtschaft in China und musste gleichzeitig feststellen, dass beispielsweise der indische Smartphone-Markt fest in chinesischer Hand war. Seit zwei Jahren versucht sich Delhi nun an einem sogenannten Decoupling-Verfahren, um sich unabhängiger von der chinesischen Wirtschaft zu machen - bislang aber sind die Importe weiter gestiegen.

Während sich Moskau und Peking in den vergangenen Monaten international aus unterschiedlichen Gründen isoliert haben, kann Delhi aus einer relativ starken Position agieren. Erst vergangene Woche hat der Internationale Währungsfond gemeldet, dass die indische Wirtschaft sich so gut entwickelt, dass das Land die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien überholt hat und weltweit Platz fünf der größten Wirtschaftsmächte belegt, auch wenn das bei der riesigen Bevölkerung zu großen Teilen nicht ankommt. China liegt auf Platz zwei, Deutschland auf vier.

Wenn sich nun also Wirtschaftsmacht Nummer zwei und Nummer fünf in Samarkand treffen, dann wird das nicht nur die erste Begegnung der beiden Staatschefs seit der "Brics"-Konferenz in Brasilia im Jahr 2019 sein. Es wird auch ein Moment sein, in dem sich entscheiden könnte, wie sehr Indien und China in Zukunft noch auf den Westen angewiesen sein werden. In beiden Ländern leben insgesamt etwa 2,8 Milliarden Menschen, ein gigantischer Markt, der gut ohne Europa und die USA auskommen kann.

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