China:Fern, ferner, Xi Jinping

Stefan Aust und Adrian Geiges haben die erste deutschsprachige Biografie über Chinas Präsidenten vorgelegt. Doch sie kommen dem Herrscher dabei nie nah genug.

Von Lea Sahay

China: Immer lächelnd, stets verschlossen: Xi Jinping regiert China seit 2012 und stellt den Machtanspruch der Kommunistischen Partei über alles.

Immer lächelnd, stets verschlossen: Xi Jinping regiert China seit 2012 und stellt den Machtanspruch der Kommunistischen Partei über alles.

(Foto: Anthony Wallace/AFP)

Wie gefährlich es sein kann, über das Privatleben von chinesischen Politikern zu schreiben, ist spätestens seit 2015 klar. Damals verschwanden fünf Buchhändler aus Hongkong, mutmaßlich verschleppt von chinesischen Sicherheitskräften. Ihr einziges Verbrechen: Bücher über Pekings verschwiegene Politikerkaste zu verlegen oder zu verkaufen.

Kein Thema gilt in China als so sensibel wie Berichte über Pekings Elite, ihre Familien und Vermögen. Die Folge: ein erhebliches Informationsdefizit. Was geht vor im Zhongnanhai, dem Sitz der Kommunistischen Partei am Rande der Verbotenen Stadt? Was prägt das Denken und Handeln von Chinas Kommunisten?

Es gibt kaum Infos aus dem innersten Zirkel

An kaum einer Person werden diese Leerstellen so deutlich wie am Parteichef Xi Jinping. Biografien über Wladimir Putin füllen Bücherwände, für Trump-Beobachtungen dürfte es bald eigene Bibliotheken brauchen. Über Chinas mächtigsten Mann seit Mao Zedong aber ist kaum etwas bekannt. Seit fast einem Jahrzehnt ist Chinas ewig lächelnder Vorsitzender an der Macht. Dennoch gibt es nicht einmal eine Handvoll bedeutender Xi-Biografien.

Darum ist es bemerkenswert, wenn der Herausgeber der Welt und Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust sich mit dem Journalisten Adrian Geiges zusammentut, um die erste deutschsprachige Biografie über den Parteichef zu schreiben.

Wer auf den etwa 290 Seiten neue Erkenntnisse über das Leben des Staatspräsidenten erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die Autoren sind in keine Archive geklettert, keine bisher unbekannten Zeitzeugen kommen zu Wort. Dafür haben sie die bekannten Fakten über Xis Leben durchaus sachkundig zusammengetragen. Adrian Geiges ist ein ausgezeichneter Chinakenner. Zum ersten Mal war er 1986 als Journalist im Land, berichtete viele Jahre für den Stern aus Peking und reist bis heute regelmäßig nach China.

China: Stefan Aust, Adrian Geiges: Xi Jinping - der mächtigste Mann der Welt. Piper-Verlag, München 2021. 288 Seiten, 22 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

Stefan Aust, Adrian Geiges: Xi Jinping - der mächtigste Mann der Welt. Piper-Verlag, München 2021. 288 Seiten, 22 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

Der Lebensweg wird kurzweilig erzählt

Xi Jinping wird 1953 in Peking geboren. Sein Vater ist Kommunist der ersten Stunde, sein Sohn damit ein Nachfahre des engsten Zirkels der Führung. Er wächst in privilegierten Verhältnissen auf. Anfang der 1960er-Jahre endet diese behütete Zeit, als Mao dem Vater Verrat vorwirft. Der junge Xi wird aufs Land geschickt, wo er als Landarbeiter schuften muss. Seine ältere Halbschwester Xi Heping begeht infolge der Demütigungen Suizid. Einmal flieht der junge Mann zurück nach Peking, muss für sechs Monate in Haft und kehrt auf Druck seiner Familie schließlich zurück zu seinem Arbeitsdienst auf dem Land.

Die Autoren erzählen durchaus kurzweilig von dieser und anderen Stationen auf Xis Lebensweg. Das Problem liegt woanders.

Da ist einerseits die Auswahl der Gesprächspartner. Die Autoren scheinen nur mit wenigen Insidern gesprochen zu haben, die unmittelbar im System arbeiten und über Xi Jinping und sein Umfeld berichten könnten - wenn auch nur anonym. Ausführlich zu Wort kommt hingegen der frühere Vizekanzler Sigmar Gabriel. Dieser hat Xi Jinping zwar mehrmals getroffen, neue Einblicke liefert er aber nicht. Warum es zum Beispiel relevant sein sollte, was Gabriel vom Corona-Management der Chinesen hält, wird nicht deutlich.

Als Xi Jinping 2012 an die Spitze der Partei vorrückte, waren die Hoffnungen groß. Viele sahen in ihm einen Reformer. Es kam anders. Xi stellte den alleinigen Machtanspruch der KP wieder über alles. Auf Maos Kult folgt der Kult um Xi. Sein Kurs löste auch innerhalb des politischen Systems einen Schock aus.

Die Corona-Maßnahmen nehmen viel Platz ein

Über interne Kämpfe und Machtstrukturen in der Partei erfährt der Leser nur wenig. Deutlich mehr Platz räumen die Autoren etwa der Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen ein. Christopher Jahns, Professor für Wirtschaftswissenschaften und CEO der Berliner Xu Group, erklärt an einer Stelle, dass China "zu 1000 Prozent" wegen der starken Digitalisierung so schnell aus der Krise herausgekommen sei. Dass die Corona-Realität im Land deutlich vielschichtiger und zum Teil von grober Gewalt geprägt war, dürfte zumindest Geiges wissen. An dieser wie an anderen Stellen wirkt es leider, als dienten den Autoren China und sein Präsident lediglich als Projektionsflächen, um politische Versäumnisse in Deutschland zu beklagen.

Die lebhaften und treffsicheren Analysen über das moderne China der Gegenwart verlieren durch die streckenweise einseitige Darstellung des wirtschaftlichen Aufstiegs. Behauptungen wie die Aussage von Christopher Jahns, China sei bereits heute klarer Sieger der neuen industriellen Revolution, können nicht überzeugen. In diesen Momenten erinnert das Buch an den Regime-Apologeten Frank Sieren, der den Büchermarkt seit Jahren mit Werken wie "Zukunft? China!" versorgt.

Aust sprach einst mit Chinas Präsidenten, das war aber 2002

Enttäuschend für den Leser ist auch, dass sich viele Erzählungen zwar auf eigene Recherchen stützen, die aber häufig schon viele Jahre zurückliegen. Abgedruckt ist zum Beispiel ein achtseitiges Interview mit dem früheren Staatschef Jiang Zemin, das Stefan Aust bereits 2002 führte. Damals noch als Spiegel-Chefredakteur. Die Passage mit Einleitung hat der Autor auch fast wortgleich bereits im Buch "Mit Konfuzius zur Weltmacht" (Quadriga, 2012) veröffentlicht.

Interviews mit chinesischen Staatschefs sind in der Tat eine Seltenheit. Das ist mit ein Grund dafür, warum man vergleichsweise viel über Putin weiß. Der russische Präsident spricht nur selten mit ausländischen Journalisten. Interviews und Pressekonferenzen, in denen Fragen gestellt werden können, sind im Gegensatz zu China aber durchaus üblich.

Dass die Autoren einer Xi-Biografie das Interview mit einem anderen chinesischen Staatspräsidenten heranziehen, um den Eindruck von Nähe zu Pekings Elite zu erzeugen, zeigt erst, wie groß die Distanz wirklich ist.

© SZ vom 05.07.2021
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