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China:Ein ganzes Land als Testgelände

Illustration: Stefan Dimitrov

Ob an der Ampel, im Fast-Food-Restaurant oder auf der Toilette: In China werden die Bürger überall erfasst.

Von Christoph Giesen

Ein Bildschirm in einem Ausstellungsraum, fast wäre man daran vorbeigelaufen: Zu sehen ist eine Kreuzung in Peking. Verkehr rauscht vorbei. Da sind Rechtsabbieger, die konsequent Radfahrern die Vorfahrt nehmen, und Fußgänger, die um ihr Leben fürchten müssen - Alltag in Chinas Hauptstadt. Doch Moment! Ein Blick aus dem Fenster ergibt: Der Bildschirm zeigt exakt die Straßenecke draußen. Das Taxi, das gerade anhält, sieht man auf dem Monitor genauso wie da draußen. Kameras, die offenbar auf dem Dach des Gebäudes angebracht sind, halten voll drauf. Das Taxi sei von Hyundai, meldet das System. Auch das Nummernschild wird auf dem Bildschirm angezeigt. Der Fahrgast, der gerade einsteigt: "Mann, Mitte 40." "Eindrucksvoll, oder?", fragt eine Mitarbeiterin der Firma Sensetime, jenes Unternehmens, das hier in Peking herumfilmt.

2014 gegründet, ist Sensetime in nur wenigen Jahren zu einem der führenden Anbieter für Gesichtserkennung und künstliche Intelligenz aufgestiegen. Mit sechs Milliarden Dollar wird das Start-up inzwischen bewertet. Und das ist womöglich erst der Anfang. In keinem Land der Welt wird so hemmungslos mitgeschnitten wie in China. Datenschutz? Ein Fremdwort.

Während in Deutschland ein winziges Versuchsgebiet am Berliner Bahnhof Südkreuz ausgewiesen worden ist, auf dem Gesichtserkennungskameras eingesetzt werden dürfen, ist in China das ganze Land ein einziges Testcenter. In den großen Städten der Volksrepublik wird jeder Mensch Hunderte Male am Tag aufgenommen, erfasst und abgespeichert.

In Peking ist die Überwachung im Vergleich zu anderen chinesischen Städten fast noch harmlos. 800 000 Kameras sind auf die Bürger der Hauptstadt gerichtet, schätzt der Internetsicherheitsdienst Comparitech in einer Studie. In Shanghai sind bereits knapp drei Millionen Kameras installiert, in Chongqing 2,5 Millionen, in Shenzhen zwei Millionen. Acht der zehn am stärksten überwachten Städte der Welt sind in China zu finden. 2022, also in nicht allzuferner Zukunft, soll in der Volksrepublik auf jeden zweiten Bürger eine Überwachungskamera kommen. Und sehr viele davon natürlich mit Gesichtserkennung.

Wer einen Internetanschluss möchte, muss künftig sein Gesicht speichern lassen

An Ampeln etwa. In vielen Städten werden Fußgänger, die bei Rot über die Kreuzung laufen, digital geächtet. Sie werden gefilmt und die Videos automatisch mit staatlichen Datenbanken abgeglichen. Ein Polizist schaut noch einmal drauf, dann erscheinen die Fotos der Rotsünder auf einem Bildschirm. Dazu der Name und die Anschrift. Manchmal wird sogar der Arbeitgeber informiert.

Vom 1. Dezember an muss jeder, der einen Internetanschluss in China beantragt, sein Gesicht speichern lassen, es wird dann überprüft, ob es mit dem Foto im Personalausweis identisch ist, den man ohnehin bei der Registrierung vorzeigen muss.

Schon Anfang 2017 eröffnete die Fast-Food-Kette KFC in Kooperation mit dem chinesischen Suchmaschinenbetreiber Baidu in Peking ein Restaurant, in dem die Gesichter aller Kunden erfasst werden. Angeblich soll so ein maßgeschneidertes Angebot herauskommen. Für den kräftigen Mann Mitte 20 ein großes Menü mit Pommes frites, Hähnchenflügeln und einer eiskalten Cola. Für die zierliche Dame Ende 50 Haferschleim und lauwarme Sojamilch. Auch auf dem Örtchen wird gefilmt. Im Vorraum von sechs Toiletten im Pekinger Himmelspark sind Scanner installiert worden. Wer Klopapier braucht, muss sein Gesicht vorzeigen und bekommt dann 60 Zentimeter Papier zugeteilt. Wer einen Nachschlag braucht, muss neun Minuten warten.

Diese Woche erst verkündete ein hochrangiger Beamter der Pekinger Stadtverwaltung auf einer Konferenz, dass bald an den Eingängen zu jeder der gut 400 U-Bahn-Stationen Kameras mit Gesichtserkennung angeschraubt werden sollen. Das Ziel: Im chronisch überlaufen en Untergrund soll es dann zügiger vorangehen.

Bislang muss in Peking, aber auch in vielen anderen chinesischen Städten, jeder, der zum Bahnsteig möchte, nicht nur eine Fahrkarte kaufen, sondern auch eine Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen - fast wie am Flughafen. Das Gepäck wird durchleuchtet, man selbst muss durch einen Metallscanner schreiten, danach wird abgetastet. Künftig sollen nur noch ausgewählte Fahrgäste sicherheitsüberprüft werden. Am besten bloß noch jene, die womöglich eine Gefahr darstellen.

"Um das Problem zu lösen, reicht es nicht aus, sich nur auf das menschliche Auge zu verlassen", zitiert die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua den Beamten. "Wenn dies nicht möglich ist, müssen wir die intelligente Inspektion und Klassifizierung von Passagieren für die Sicherheitskontrolle energisch fördern." Und das geht so: Die gescannten Gesichter in den U-Bahnhöfen sollen mit dem geplanten Sozialkreditsystem in China verknüpft werden, das alle Bürger erfasst. Wer besonders patriotisch ist, weil er Blut spenden war und sich nie negativ über die Kommunistische Partei geäußert hat, kann dann ohne Sicherheitscheck in die nächste U-Bahn steigen. Wessen Kredit hingegen eher gering ist, wird vor Antritt der Fahrt weiterhin abgetastet und muss den Rucksack oder die Tasche röntgen lassen.

Immerhin regt sich gegen diese Idee inzwischen ein zaghafter Widerstand. Der Rechtswissenschaftler Lao Dongyan von der Tsinghua-Universität in Peking schrieb in einem Gastbeitrag für das Magazin Caixin, das Strafrecht gehe ja von dem Grundsatz der Unschuldsvermutung aus. "Die derzeit diskutierten Sicherheitsmaßnahmen beruhen jedoch auf der Vermutung, schuldig zu sein. Es wird angenommen, dass jeder Mensch ein Risiko für die öffentliche Sicherheit darstellt, und er muss ausnahmslos immer strengeren Sicherheitskontrollen unterzogen werden", meint Lao Dongyan. Und er schreibt weiter: "Ich bin entschieden gegen den Ansatz der Pekinger Metro, Gesichtserkennungstechnologien zu implementieren." Ob sein Protest erhört werden wird, ist allerdings mehr als fraglich. Denn China ist längst das Land der Kameras geworden.

© SZ vom 02.11.2019

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