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China:Drei Wochen Peking, null Tage Wuhan

FILE PHOTO: World Health Organization holds daily news briefing on coronavirus, in Geneva

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus ist wiederholt vorgeworfen worden, dass er hinsichtlich der Corona-Pandemie zu nachgiebig gegenüber China gewesen sei.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

Ein Team der WHO untersucht den Ausbruch der Corona-Epidemie - an den angeblichen Ursprungsort reist es nicht.

Von Lea Deuber, Peking

Es wirkte wie ein großes Zugeständnis: China werde eine internationale Untersuchung zum globalen Corona-Ausbruch unterstützen, das hatte das chinesische Außenministerium im Mai zugesagt. Offen, transparent und auf umfassende Weise sollte diese ablaufen, versprach Peking. Zuvor war der internationale Druck auf das Land gestiegen, der Frage nach dem Ursprung des Erregers nachzugehen. Zahlreiche Staaten hatten Aufklärung von China gefordert, allen voran US-Präsident Donald Trump. Aber auch deutsche Politiker hatten sich für eine Untersuchung ausgesprochen. Das Virus war das erste Mal Ende 2019 in der zentralchinesischen Stadt Wuhan entdeckt worden.

Umso erstaunlicher klingen Nachrichten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in dieser Woche. Ein zweiköpfiges Team soll bei einem dreiwöchigen Besuch in China nicht in Wuhan gewesen sein, berichtet die Financial Times. Die Experten sollen sich die gesamte Zeit in Peking aufgehalten haben, obwohl Wuhan seit April wieder zugänglich ist und normal bereist werden kann. Die Stadt liegt nur eine viereinhalbstündige Zugfahrt entfernt von der Hauptstadt. Seit mehr als drei Monaten gab es dort keine Neuinfektionen mehr.

Die Organisation sieht sich mit Kritik konfrontiert, sie gehe zu unkritisch mit der Regierung um

Die UN-Organisation bestätigte den Bericht inzwischen, verteidigt das Vorgehen aber. Die Mitarbeiter hätten lediglich die Vorarbeit für eine spätere, groß angelegte Reise geleistet. Ob dann ein Besuch in Wuhan vorgesehen ist, ließ die WHO offen.

Die Organisation steht seit Ausbruch des Coronavirus wegen ihrer Nähe zu Peking in der Kritik. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus wurde wiederholt vorgeworfen, der chinesischen Regierung gegenüber zu nachgiebig gewesen zu sein. Bis heute hat er vermieden, die Vertuschungsversuche Anfang des Jahres in China zu kritisieren, die inzwischen umfangreich dokumentiert sind. Er lobte vielmehr wiederholt die angebliche Transparenz und Offenheit der chinesischen Regierung. Der australische Politiker Dave Sharma äußerte angesichts der jüngsten Vorwürfe gegenüber der Financial Times diese Woche sein Unverständnis: "Wenn der Vorwurf stimmt, wäre dies ein neuer beunruhigender Vorfall innerhalb der WHO."

Der Beschluss der Organisation im Mai, eine Untersuchung zum Ursprung des Virus anzustrengen, war von 130 Ländern unterstützt worden. Beobachter befürchteten allerdings von Beginn an, Peking könnte eine unabhängige Untersuchung behindern. Die Überwachung durch die Sicherheitsbehörden in Wuhan ist immer noch umfangreich: Journalisten werden vor Ort weiter bei Recherchen behindert; immer noch sitzen Aktivisten und Bürgerjournalisten in Haft, die während der Krise unabhängig aus Wuhan berichtet hatten.

US-Außenminister Mike Pompeo erklärte bereits im Juli, er gehe davon ausgehe, dass eine Untersuchung am Ende beschönigt werde. Präsident Trump hatte im Mai den Austritt der USA aus der WHO angekündigt, weil diese seiner Meinung nach zu spät über den Corona-Ausbruch informiert hatte. Trump warf der WHO vor, unter der Kontrolle der chinesischen Regierung zu stehen und deren Angaben ungeprüft weiterzuverbreiten.

Chinas Außenministerium sieht in dem jüngsten Vorgehen kein Problem. Es habe mit der Einladung des WHO-Teams Verantwortungsbewusstsein bewiesen, während es sich gleichzeitig noch in einer kritischen Phase der Virusbekämpfung befinde, hieß es aus dem Ministerium. Seit Beginn der Pandemie sind mehr als 800 000 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

© SZ vom 28.08.2020

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