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China:Das Schwert des Sieges schärfen

August 2, 2020, Wuhan, Hubei, China: The workers are demolishing the field module hospital as the COVID-19 disappeared

Alles im Griff? Ein Arbeiter beim Abbau des provisorischen Krankenhauses, das nach Ausbruch der Pandemie im chinesischen Wuhan errichtet worden war.

(Foto: imago)

In der Volksrepublik ist eine Art Impfstoff-Nationalismus ausgebrochen. Tabubrüche bei der Forschung werden geduldet.

Von Lea Deuber

Eine Hilfe dabei sein, das Schwert des Sieges zu schmieden. So erklärte es das chinesische Pharmaunternehmen Sinopharm jüngst in einer Ankündigung, dass 30 Mitarbeiter des Unternehmens sich ohne staatliche Genehmigung aus "Opferbereitschaft" den eigenen Corona-Impfstoff gespritzt hätten. Dazu veröffentlichte die Firma ein Foto von sieben Männern in Anzug und Krawatte, darunter Manager, Forscher und ein Kader der Partei. Im Hintergrund sah man Propaganda des chinesischen Militärs. Die Mitarbeiter von Sinopharm sind in China nicht die ersten, die sich zu Testzwecken unkontrolliert Impfstoffe gegen das Coronavirus injizieren. Im März hatte eine Epidemiologin und Armeegeneralin Fotos veröffentlicht, auf denen eine Krankenschwester ihr einen Impfstoff spritzt. Sechs weitere ihrer Mitarbeiter sollen ihn gespritzt bekommen haben. Die Wissenschaftlerin trug dabei ihre militärische Dienstuniform, im Hintergrund hing die Flagge Chinas. Im Juni hatte die Regierung dem Militär offiziell die Erlaubnis erteilt, Soldaten einen Impfstoff der Firma Cansino Biologics zu spritzen, ehe die finale Testphase abgeschlossen war. Der Impfstoff des Unternehmens aus Tianjin gilt als vielversprechend. Einige Mitarbeiter sollen bereits im Februar erste Proben injiziert bekommen haben, bevor die Studie genehmigt war. Die Firma hofft, den Impfstoff bereits Ende dieses Jahres bereitstellen zu können.

Die chaotische Lage in den USA gilt als Beleg für die Überlegenheit des Sozialismus

Doch nicht nur international bedeutet das Vorgehen einen Verstoß gegen ethnische Normen. Auch in China verletzen die unbeaufsichtigten Tests Sicherheitsvorschriften. Es zeigt, wie groß der Druck im Land ist, das internationale Rennen um den Impfstoff zu gewinnen. Eine Art Impfstoff-Nationalismus ist ausgebrochen. Die Staatsmedien berichten fast täglich über Fortschritte. Tabubrüche werden geduldet, wenn nicht gar gefordert. Für Peking wäre der erste Impfstoff nicht nur ein wissenschaftlicher Sieg, ein Meilenstein für die aufsteigende Wirtschaftsnation. Seit Ausbruch des Coronavirus steht die Regierung von Parteichef Xi Jinping auch unter Druck, die anfängliche Vertuschung in Wuhan hat das Land international in die Kritik gebracht. Peking macht die Virusbekämpfung aber gleichzeitig zu einem Wettkampf der Systeme, stellt die chaotische Lage in den USA als Beleg für die Überlegenheit des Sozialismus dar. Und versucht sich als globaler Player in der internationalen Gesundheitspolitik zu inszenieren.

Der erste Impfstoff "made in China" wäre ein politischer Triumph. Aus Sicht Pekings kaum weniger bedeutend als einst der Wettlauf zum Mond. Im Mai erklärte Präsident Xi zwar, sein Land werde einen Impfstoff als "globales öffentliches Gut" zur Verfügung stellen. Das dürfte aber an Bedingungen geknüpft sein, wie es beim Verkauf von Masken aus China der Fall war.

Auch die Mainzer Firma Biontech startete laut Medienberichten vergangene Woche mit ihrem chinesischen Partner Fosun Pharma eine klinische Studie in China. Die ersten 72 Teilnehmer seien geimpft worden, teilen Biontech und Fosun am Mittwoch mit.

China hat im Wettlauf zwar die Nase vorne. Da dort seit Wochen die Neuinfektionszahlen im niedrigen zweistelligen Bereich liegen, fehlen den Forschern die Teilnehmer für die Phase 3, in der oft mehrere Hundert oder sogar Tausende Menschen teilnehmen. Das staatliche Pharmaunternehmen Sinopharm hat deshalb Mitte Juli seine Phase 3 in Abu Dhabi begonnen, teilnehmen sollen in den kommenden Monaten 15 000 Freiwillige aus der emiratischen Hauptstadt. Ein anderes chinesisches Unternehmen testet in Brasilien.

Peking setzt Opfer eines Impfskandals gezielt unter Druck

Experten gehen davon aus, dass die Impfung in China verpflichtend sein wird, um einer Debatte um die Sicherheit des Impfstoffs vorzugreifen. In China ist das Vertrauen in Kontrollbehörden aber extrem niedrig, immer wieder hat es erschütternde Skandale gegeben. Vergiftetes Milchpulver, vergammeltes Fleisch - und mehrmals Impfskandale. 2018 gab es bei einem Pharmaunternehmen gleich mehrere Skandale. Hunderttausende Kinder erhielten minderwertige Impfstoffe gegen Tollwut sowie Kombinationsprodukte gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Aufgeklärt ist der Fall bis heute nur in Teilen. Gegen das Unternehmen wurden zwar harte Strafen erlassen. Betroffene werden aber, wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, gerade in diesen Wochen wieder massiv unter Druck gesetzt. Die Behörden wollen verhindern, dass der Skandal Chinas möglichen Erfolg beim Covid-Impfstoff infrage stellt. Bei internationalen Firmen ist eine mögliche Impfpflicht in China bereits Thema. Mitarbeiter fordern, das Land verlassen zu dürfen, sollte die chinesische Impfpflicht kommen.

© SZ vom 10.08.2020

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