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China:Chinesische Mauer

Auffällig ist, wenn Anteilnahme ausbleibt: Das Ausmaß von Pekings Internetzensur zeigt sich etwa bei Krisen wie der in Libanon. Doch auch dem Ausland verwehren die Filter einen klaren Blick nach China - wie sich etwa bei Corona zeigte.

Von Lea Deuber, Peking

Über die Mauer klettern, so nennt sich das, wenn Menschen in China die Internetzensur mit technischer Hilfe überwinden. Geblockt sind sämtliche sozialen Netzwerke aus dem Ausland, darunter Instagram, Facebook, Twitter. Selbst die chinesische App Tiktok produziert in ihrem Heimatland nur Fehler 404, "Seite nicht gefunden". Für die Chinesen gibt es eine zensierte Version namens Douyin. Chinas Internet ist ein Intranet, lokal und abgeschottet. Die Konsequenzen zeigten sich zuletzt so deutlich wie nie.

So dauerte es nur wenige Minuten, bis die Bilder der Explosion in Libanon die sozialen Medien überschwemmten. Menschen antworteten mit Beileidsbekundungen, Hashtags wie "Betet für Beirut" und "In Gedanken in Libanon". Von Bogota über Boston bis Berlin hielten die Menschen für einen Moment inne.

Umso auffälliger ist es, wenn die Anteilnahme ausbleibt - wie in China. Dort durchleben in diesen Tagen viele erneut die Nacht des 12. August 2015. Damals starben im nordchinesischen Tianjin 173 Menschen bei einer Explosion, 800 wurden verletzt. Verantwortlich war ungesichertes Material in einem Container im Hafen. Ihre Gedanken, Gebete für Beirut? Dafür müssten sie erst einmal über die Mauer.

Das Leid der Chinesen während der Corona-Krise erreichte den Rest der Welt kaum

Und wo waren die Gebete der Welt, als in Tianjin der Hafen in die Luft flog?, fragen sich manche Internetnutzer. "Wenn in China etwas passiert, wird das kaum im internationalen Internet diskutiert", schrieb einer diese Woche auf der Plattform Douban. So sei es mit der Mauer: Sie halte die Menschen innerhalb davon ab, die Welt draußen zu erreichen. Und sie schaffe im Ausland ein fehlendes Verständnis für die Menschen dahinter.

Ähnlich war es auch in der Corona-Krise: Bilder des Leids erreichten die internationale Netzwelt erst, als das Virus mit den Menschen über die Mauer geklettert war. Hilferufe aus Wuhan überspülten da schon seit Wochen Chinas Netzwerke. Menschen posteten Bilder sterbender Eltern, Rechnungen aus Krankenhäusern, die sie nicht bezahlen konnten, flehten darum, dass sich jemand um ihre Kinder kümmert, falls sie das Virus nicht überleben.

Die Bilder, die Menschen im Ausland sahen, waren aber nicht die Aufnahmen von Chinesen, verwackelte Handybilder wie aus Beirut. Sondern die zensierten Aufnahmen der Staatsmedien. Jeder kennt die Bilder der neugebauten Krankenhäuser in Wuhan. Kaum jemand kennt aber die Handyvideos aus den überfüllten Krankenhäusern. War die chinesische Erfahrung Anfang des Jahres nichts wert? Sie war vor allem nicht sichtbar. Globale Solidaritätsbekundungen erreichten das chinesische Netz nicht. Die Chinesen litten allein.

Apps wie Tiktok haben eine globale Netzkultur geschaffen, nur Chinesen tanzen dort nicht. Es herrscht eine Stille zwischen den Menschen in China und der Welt, die zu Missverständnissen führt. Die Kommunistische Partei nutzt das längst, sagt, das Ausland gönne den Chinesen den Aufstieg nicht. Da draußen, hinter der Mauer, verleumde man die Chinesen. Und kaum jemand klettert rüber, um nachzusehen. Das befeuert den Nationalismus.

Von der Mauer, so schreibt es der Nutzer auf Douyin, profitierten nur die Mächtigen. Die Zensoren haben seinen Beitrag inzwischen gelöscht.

© SZ vom 14.08.2020

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