Aufrüstung:China baut neue Silos für Atomraketen

Nach einem Gelände in Yumen wurde nun ein weiteres in Hami entdeckt. China verfügt nach Schätzungen von Experten heute bereits über etwa 350 Nuklearsprengköpfe.

China hat womöglich damit begonnen, sein Atomwaffenarsenal deutlich auszuweiten. Nach der Entdeckung eines Geländes mit im Bau befindlichen Raketensilos bei Yumen in der Provinz Gansu im Juni haben Atomexperten der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler (FAS) mit Hilfe von Satellitenaufnahmen nahe Hami (Kumul) in der Nordwestregion Xinjiang ein zweites Feld ausfindig gemacht. "Der Bau der Silos in Yumen und Hami stellt die bisher bedeutendste Expansion des chinesischen Atomwaffenarsenals dar", schrieben die Atomexperten in ihrem am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Die Arbeiten an dem zweiten Gelände in Hami etwa 380 Kilometer nordwestlich des ersten Feldes hätten im März begonnen und seien noch nicht so weit vorangeschritten. Kuppelhallen überdeckten den Blick auf vorerst 14 Baustellen, wie auf den Fotos zu sehen sei. Anhand der Vorbereitungsarbeiten an dem Komplex schätzen die Wissenschaftler, dass es ein Raster von ungefähr 110 Silos werden soll. Das erste Feld wird auf 120 Silos geschätzt. Es ist allerdings unklar, ob alle Silos auch mit Raketen bestückt werden oder wie viele der Täuschung dienen sollen. China besitzt nach FAS-Schätzungen heute etwa 350 Atomsprengköpfe. 2020 sprach das Pentagon von einer Zahl "im unteren 200er-Bereich", erwartete da aber auch schon eine Verdoppelung in den nächsten zehn Jahren. Chinas Arsenal ist damit allerdings deutlich kleiner als das der USA oder Russlands, die jeweils etwa 4000 Atomsprengköpfe haben.

Hinter dem Bau der Raketensilos könnten nach Einschätzung der Experten verschiedene Motive der Führung von Staats- und Parteichef Xi Jinping stecken. Es könnte unter anderem eine Reaktion auf die Modernisierung der Atomstreitkräfte der USA, Russlands und Indiens sein.

Auch könnte China besorgt sein, dass seine bisherigen Silos leicht angreifbar sind. Sie liegen in Reichweite konventioneller Marschflugkörper der USA, während Yumen und Hami weiter im Landesinneren sind. Indem die Zahl der Silos erhöht werde, verbessere sich auch die Fähigkeit, zurückschlagen zu können. Die Wissenschaftler sprachen zudem von einem Umstieg bei neueren Raketen von Flüssig- auf Festtreibstoff, der die Reaktionszeit verkürze, da nicht mehr aufgetankt werden müsse. Auch sorge sich Peking um die Raketenabwehr der USA, die die Fähigkeit zu einem angedrohten Vergeltungsschlag untergrabe - und damit Chinas Abschreckungspotenzial.

Bisher betreibe China ein kleines Atomwaffenarsenal, das für eine "minimale Abschreckung" ausreichen soll. Peking könnte aber zu dem Schluss gekommen sein, das Bedrohungspotenzial ausweiten zu müssen. Offiziell beteuert China immer, auf den Ersteinsatz von Atomwaffen verzichten zu wollen. Seit den späten 1990er-Jahren versuchen die USA schon vergeblich, China dazu zu bewegen, sich internationalen Rüstungskontrollverhandlungen anzuschließen.

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