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Protest in Chile:"Die Wut hat sich über Jahre aufgestaut"

**BESTPIX** Cabinet Reshuffle in Chile After Massive Protests Against Piñera

Bei Protesten und Plünderungen sind in Chile am Wochenende zehn Personen ums Leben gekommen, Dutzende wurden verletzt.

(Foto: Getty Images)

Die Chilenen protestieren seit mehr als zehn Tagen - immer wieder kommt es zu Gewalt und Plünderungen. Soziologin Kathya Araujo erklärt, warum nur ein Rücktritt des Präsidenten Ruhe bringen würde.

Interview von Christoph Gurk, Buenos Aires

Tausende Menschen gingen auch diese Woche wieder in Santiago de Chile und anderen Städten auf die Straße. Abermals gab es Krawalle und Ausschreitungen von Seiten der Demonstranten - und abermals ging die Polizei hart gegen die Protestierenden vor. Was treibt die Menschen auf die Straße? Und woher rührt die Gewalt? Kathya Araujo ist Soziologin und forscht an der Universität von Santiago zum Verhältnis von Autorität und der Bevölkerung in Chile.

SZ: Frau Araujo, Präsident Piñera hat mehr als die Hälfte seines Kabinetts ausgetauscht, er hat Sozialmaßnahmen versprochen und auch längst die Preiserhöhung der Metrotickets zurückgenommen. Wieso protestieren die Menschen in Chile weiter?

Das kann man nicht so einfach beantworten. Die Demonstranten sind sehr divers, kommen aus allen Schichten und allen Altersgruppen und sie haben daher auch verschiedene Forderungen. Sie eint allerdings das Gefühl, über Jahrzehnte ausgenutzt worden zu sein. Die Bevölkerung in Chile trägt die Hauptlast für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Die Menschen haben viele Opfer gebracht und nun haben sie genug.

Interview am Morgen

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Was sind das für Opfer?

Ich gebe ihnen ein Beispiel aus meinem Umfeld: Selbst für Universitätsprofessoren bedeutet der Ruhestand in Chile heute einen Schritt in die Armut. Viele arbeiten darum weiter, so lange es nur irgendwie geht. Das wiederum hat natürlich Konsequenzen für die nachfolgende Generation, weil es kaum freie Stellen für sie gibt. Andersherum gibt es viele junge Menschen, die sich verschulden müssen, weil sie Geld brauchen, um ihre Eltern zu unterstützen. Dazu kommen hohe Studiengebühren, ein Gesundheitssystem am Rande des Kollapses und hohe Lebenshaltungskosten. Die Wut hat sich über Jahre aufgestaut.

Die meisten Demonstrationen sind friedlich, immer wieder gibt es aber auch Ausschreitungen. Bei Protesten brannte unlängst ein Einkaufszentrum aus, es kommt zu Plünderungen. Wie erklären Sie diese Gewalt?

Manche müssen vielleicht wirklich ihren Zorn entladen, anderen geht es um Randale und natürlich gibt es auch Kriminelle und Mitläufer unter den Demonstranten. In meinen Forschungen habe ich aber auch festgestellt, dass es in der Bevölkerung Chiles mittlerweile eine Gruppe gibt, die durch ihre schwierige Lebenssituation zum Schluss gekommen ist, dass die Normen der Gesellschaft gar nicht mehr für sie gelten. Sie fühlen sich vollkommen verlassen, außen vor, mit allen Konsequenzen. Auf der anderen Seite haben vor allem die Angriffe auf Metrostationen auch einen symbolischen Charakter.

Kathya Araujo

Kathya Araujo ist Soziologin und forscht an der Universität von Santiago de Chile.

(Foto: privat)

Inwiefern?

Die Transportkosten in Chile sind sehr hoch, bei manchen Familien gehen 20 Prozent des Einkommens für den Weg zur Arbeit oder zur Schule weg. Eine Erhöhung, so klein sie auch erscheinen mag, macht da viel aus. Zum anderen ist die Metro auch ein Ort, der für viele für das steht, in das Chile sich verwandelt hat. Ein Land, in dem man für seinen Platz kämpfen muss, jeden Tag, in dem nur die Ellbogen zählen. Die Metro ist praktisch, keine Frage, man kommt schneller von A nach B, aber das Leben ist am Ende nicht besser geworden.

Wenn Bahnhöfe brennen, dann hat das also auch mit der Wut auf ein Land zu tun, von dem sich viele ausgeschlossen fühlen. Auf der anderen Seite geht aber auch die Polizei teils extrem brutal gegen die Demonstranten vor. Es gibt Berichte von Folter und sexueller Gewalt.

Die Repression ist tatsächlich groß. Meiner Meinung nach war es ein Fehler, das Militär auf den Straßen patrouillieren zu lassen. Die Militärdiktatur ist in Chile ja gerade mal ein paar Jahrzehnte her, die Menschen erinnern sich noch an damals und der Widerstand ist groß. Das wiederum führt zu noch mehr Brutalität und so wiegelt sich die Gewalt weiter hoch.

Wie beeinträchtigen die Proteste ihr Leben?

Morgens ist die Stadt meist sehr ruhig. Je später es wird, desto mehr Demonstrationen gibt es. Die Supermärkte sind wieder auf, aber dort, wo es Plünderungen gab, fehlen oft Lebensmittel. Groß ist das Chaos vor allem in den ärmeren Außenbezirken.

Was müsste Präsident Piñera tun, um die Demonstrationen zu beenden?

Er müsste zurücktreten. Wobei es selbst dann fraglich ist, ob die Demonstrationen wirklich aufhören würden. Was viele Menschen wollen, ist ein grundlegender Systemwechsel. Sie fühlen sich ausgenutzt von Unternehmen und der Politik. Und dagegen wehren sie sich nun.

© SZ.de/lalse
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