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Chile in der Corona-Krise:Regiert von Ahnungslosen

A family watches as municipal workers sanitize a poor neighborhood in Santiago, Chile on May 16, 2020

Eine Familie in einem armen Viertel der Hauptstadt Santiago schaut dabei zu, wie Stadtmitarbeiter die Gegend desinfizieren.

(Foto: Martin Bernetti/AFP)

Fast kein Land auf der Welt ist so hart von der Corona-Pandemie getroffen wie Chile. Das liegt auch daran, dass die Regierung nur wenig über die Lebensbedingungen der Armen weiß.

Mitte März, kurz nachdem das neuartige Coronavirus in Chile angekommen war, gab Sebastian Piñera dem Fernsehsender CNN ein Interview. Chiles Präsident erklärte darin, sein Land sei viel besser auf die Pandemie vorbereitet, als Italien dies gewesen sei. Doch nun, drei Monate später, hat Chile nicht nur mehr Fälle als Italien; mit 242 000 registrierten Infektionen bei gerade einmal 19 Millionen Einwohnern ist das Land auch eines der am schwersten von der Pandemie getroffenen weltweit. Und viele Chilenen fragen sich nun, wie es so weit kommen konnte.

Tatsächlich sah es lange so aus, als habe das Land als eines der wenigen in Lateinamerika die Situation mehr oder weniger im Griff. Schon vor den ersten heimischen Fällen hatte die Regierung begonnen, medizinisches Gerät zu kaufen. Wohlhabende Chilenen brachten dann das Virus von Reisen aus Europa mit ins Land. Zunächst beschränkten sich die Ausbrüche auf Viertel der oberen Mittelschicht.

Die Regierung verhängte Ausgangssperren, besonders betroffene Gebiete wurden abgeriegelt, Ende April begann die Regierung dann sogar wieder mit einer zaghaften Öffnung von Büros und selbst Einkaufszentren. Ein großer Fehler, wie sich heute zeigt - und für viele Chilenen ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Ahnung die politische Elite von der Lebensrealität der Menschen im Land hat.

Die Reichen brachten die Seuche ins Land, die Armen trugen sie in ihre Viertel

Wegen der gravierenden sozialen Ungleichheit, die in dem Land herrscht, gab es bereits letztes Jahr monatelange Proteste. Entzündet hatten sie sich an einer Fahrpreisanhebung für U-Bahntickets, es kam zu Krawallen und Plünderungen.

Die Regierung war schon damals vollkommen überrumpelt von der Wut der Menschen. Man solle doch einfach früher aufstehen, dann seien die Fahrkarten günstiger, riet der Wirtschaftsminister, scheinbar ohne zu wissen, dass viele Chilenen aus den armen Vororten ohnehin schon im Morgengrauen auf sind, um zu ihren Arbeitsstellen zu kommen.

Wie wenig Ahnung die Regierung Chiles rund um den Multimillionär Sebastian Piñera vom Leben außerhalb der Oberklasseviertel hat, zeigt sich nun abermals in der Coronaepidemie. So saß im Gesundheitsministerium noch bis vor kurzem ein alter Freund des Präsidenten, Jaime Mañalich, immerhin ein Arzt, der allerdings vor allem im privaten Sektor gearbeitet hatte. Ende Mai, als die Infektionszahlen in Chile explodierten, erklärte er entschuldigend, er habe einfach nicht gewusst, wie beengt die Lebensverhältnisse und wie groß die Armut in einigen Teilen der Hauptstadt seien.

In Vierteln wie El Bosque im Süden von Santiago leben die Menschen zusammengedrängt in Sozialbauten, viele arbeiten als Gärtner oder Hausangestellte, größtenteils ohne feste Verträge. Kommen sie nicht zur Arbeit, verdienen sie nichts. Als die Regierung die Quarantäne gelockert hatte, brachten sie das Virus mit in die armen Vororte, dort fand er ideale Bedingungen vor, um sich zu verbreiten, und so geriet die Situation schnell außer Kontrolle.

Mitte Mai verschärfte die Regierung wieder die Ausgangssperren, viele Menschen widersetzten sich dem aber. Als Polizei und Soldaten begannen, die Maßnahmen durchzusetzen, brachen Unruhen aus, weil die Menschen fürchteten, bald nichts mehr zu essen zu haben.

Mittlerweile hat die Regierung ein milliardenschweres Programm aufgelegt, um Arme und Arbeitslose zu unterstützen. Gleichzeitig fordern Experten, vor allem Santiago in den "Winterschlaf" zu versetzen: Die Hauptstadt soll wieder unter eine vollkommene Quarantäne gestellt werden und nur essenzielle Geschäfte dürften öffnen. Doch es gibt Widerstand: Präsident Piñera gewann 2017 die Wahlen vor allem auch mit dem Versprechen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Nach drei Monaten Pandemie hat sie aber bereits schwer gelitten - und das schlimmste, glauben Wissenschaftler, steht dem Land erst noch bevor.

© SZ vom 23.06.2020

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