Chemnitz Fast wie Paris, nur günstiger

Schöner günstig wohnen: Auch mit Sanierungsplänen wie im Stadtteil Brühl kämpft Chemnitz gegen den Leerstand von Wohnungen an.

(Foto: Stefanie Preuin)

40 Quadratmeter für 190 Euro: Die sächsische Stadt profitiert vom niedrigen Mietniveau - und hat keine Probleme mit Gentrifizierung.

Von Ulrike Nimz

In der drittgrößten Stadt des Ostens prallen öfter mal Gegensätze aufeinander, auch architektonische: Das Chemnitzer Zentrum, 1945 durch alliierte Bomber in Schutt und Asche gelegt, wird von breiten Magistralen, Einkaufspassagen und Parkhäusern dominiert. Es gibt das Fritz-Heckert-Gebiet, einst eines der größten Plattenbau-Areale der DDR. Und dann ist da noch der Brühl-Boulevard, auf dem seit einiger Zeit wieder Leben herrscht, und natürlich den Kaßberg, eines der größten Gründerzeitviertel Europas, beliebt vor allem bei Familien und Studierenden. Wer hier wohnt und etwas Fantasie besitzt, kann sich an Paris erinnert fühlen. Mit einem gewichtigen Unterschied: Egal, ob Altbau oder Platte, City- oder Randlage: Die Nettokaltmiete beträgt in der "Stadt der Moderne" durchschnittlich nur wenig mehr als fünf Euro pro Quadratmeter. Das Gespenst der Gentrifizierung - in Chemnitz geht es noch nicht um.

300 000 Menschen wohnten zu DDR-Zeiten hier. Heute sind es 60 000 weniger

Das zeigt auch der aktuelle "Wohnungsmarkt-Report Chemnitz 2019", den das in der Stadt ansässige FOG-Institut für Markt- und Sozialforschung zu Beginn des Jahres vorgelegt hat. Ulrich Weiser ist dessen Leiter und ein Kenner des örtlichen Mietmarktes. Der sei mit seinen etwa 133 000 Haushalten und den um die 155 000 Wohnungen "einer der außergewöhnlichsten der Bundesrepublik". In den letzten Jahren habe die Stadt sich vor allem wirtschaftlich positiv entwickelt: mehr Arbeitsplätze, höhere Einkommen. Das habe auch die Nachfrage nach hochwertigem Wohnraum steigen lassen, so Weiser: "Vor allem Familien wollen großzügig leben und können es in Chemnitz auch."

Und doch: Trotz zahlreicher Sanierungsprojekte und Neubauten stehen noch acht bis neun Prozent der bewohnbaren Wohnungen leer, laut Weiser "der höchste Wert unter den deutschen Großstädten. Kein Vermieter ist da in der Lage, Fantasiepreise abzurufen." Was Investoren zusätzlich ächzen lässt: Renovierungen sind auch abseits der Boomstädte nicht viel billiger. Da kann es vorkommen, dass Hausverwaltungen sich mit der Reparatur einer kaputten Heizung mal etwas mehr Zeit lassen.

300 000 Einwohner zählte die Arbeiter- und Industriemetropole Karl-Marx-Stadt in der DDR. Etwa 60 000 weniger sind es heute. Lange galt Chemnitz als überalterte, schrumpfende Stadt im Schatten von Dresden und Leipzig. Das Problem Leerstand wurde vorrangig mit der Abrissbirne bekämpft. Nur locken solche als "Rückbau" bezeichnete Maßnahmen keine jungen Leute in die Stadt. Die niedrigen Mieten schon. Das günstige Wohnen, sagt Mario Steinebach, Sprecher der Technischen Universität Chemnitz, sei inzwischen der Hauptgrund, warum es Studierende nicht mehr nur aus dem Erzgebirge und dem Vogtland in die Stadt ziehe, sondern auch aus Westdeutschland und der Welt.

Zuletzt hat das Immobilienportal immowelt.de die Mietpreise in 68 Hochschulstädten verglichen. Eine 40 Quadratmeter große Studentenwohnung ist in Chemnitz demnach für 190 Euro Nettokaltmiete zu haben. Deutschlandweit ist lediglich Cottbus ähnlich günstig. In München werden für vergleichbare Wohnungen 790 Euro verlangt. Für Studierende bedeute das, so wirbt Steinebach: "Bei uns müssen sie nicht noch nebenbei an der Supermarkt-Kasse sitzen."

Wo die Szene blüht, steigt auch der Wert der Immobilien

Und stattdessen lieber in einer Künstlerkneipe: Der Chemnitzer Sonnenberg ist eines dieser Quartiere, die noch vor zehn Jahren beste Bedingungen für den Dreh eines Zombiefilms geboten hätten: blinde Fenster, bröckelnde Fassaden, verwaiste Straßen. Heute ist das einstige Problemviertel Heimstatt von Kreativen. Es gibt ein veganes Bistro, den Musikclub Nikola Tesla und die Kulturkneipe Lokomov. Die Freiräume sind groß - weil die Mieten noch niedriger sind als in anderen Vierteln, dank Menschen wie Lars Fassmann.

Fassmann, 42, ist Geschäftsführer einer erfolgreichen Softwarefirma. Vor Jahren begann er, Häuser auf dem Sonnenberg aufzukaufen. Die verlassenen und maroden hatten es ihm angetan. Er ließ behutsam sanieren, schuf Orte schroffer Heimeligkeit, vermietete an Bildhauer, Designer, Schauspieler, Start-ups und den Chaos-Computer-Club. Die Miete legten die Mieter selbst fest oder zahlten nur einen Obolus, der die Nebenkosten deckte. Fassmann ist Geschäftsmann, aber keiner, der die Mechanismen des Marktes kalt analysiert. Nach den unmittelbaren Folgen seines Wirkens auf dem Sonnenberg gefragt, sagt er: "Ich schätze, dadurch sind ein paar Leute hier geblieben, die sonst gegangen wären."

Mittlerweile gehören ihm 30 Häuser im Stadtgebiet, sagt er, zehn werden von Kreativen genutzt. Fassmann ist sich sicher: Stadtentwicklung funktioniert nicht nach Plan und über Nacht, sondern in kleinen Schritten, von unten. "Die Szene strahlt aus, zieht neue Interessenten an." Das steigere nicht nur den Wert der Immobilien, sondern auch die Lebensqualität. Lars Fassmann hat einen Begriff dafür: "gesellschaftliche Rendite".