Chemnitz und der Rechtsextremismus:Wer ist die Mehrheit - wer die Minderheit?

18. Februar 2019. Die Sonne scheint. Gabriele Engelhardt führt einen Demonstrationszug mit Dutzenden Teilnehmern in ein Wohngebiet in Zentrumsnähe. Sie laufen vorbei an einem Spielplatz mit Klettergerüst, vorbei an Wäschestangen. Am eingezäunten Bolzplatz bleibt die Gruppe stehen. Die Fassade des Hauses gegenüber changiert in diversen Brauntönen. Dunkle Farbspritzer zeugen von einem Angriff mit Farbbeuteln. Die Fenster im Erdgeschoss sind von innen mit Spanplatten verstärkt.

Vor dem Haus haben sich Männer und Frauen versammelt, unter ihnen Vertreter der Neonaziszene. Videoaufnahmen zeigen wie sie Deutschlandfahnen schwenken. Im zweiten Stock ruft einer in sein Mikrofon: "Da sind die Linkskriminellen." Es hagelt Beleidigungen, auch gegen Gabriele Engelhardt. Einer der Männer brüllt: "Engelhardt du Bazille". "Say it loud, say it clear, Refugees are welcome here", rufen die Demonstranten zurück. Auf der Straße dazwischen stehen Polizisten, die Helme baumeln am Gürtel.

Angst vor einer "Bürgerwehr"

In dem Haus betreibt Martin Kohlmann (ein Porträt) seine Anwaltskanzlei. Er ist der Chef von Pro Chemnitz und will in dem Gebäude ein "Bürger- und Begegnungszentrum" eröffnen. Kohlmann hat auch angekündigt, eine "Bürgerwehr" gründen und entsprechende Schulungen anbieten zu wollen. Man könnte das als Provokation abtun, gäbe es da nicht den Vorfall auf der Schlossteichinsel. Nach einer Demonstration von Pro Chemnitz patrouillierten mehrere Männer als selbst ernannte "Bürgerwehr" durch die Innenstadt, verlangten Ausweise von Passanten. Ein Iraner wurde am Kopf verletzt. Einige der Männer sollen Mitglieder der mutmaßlichen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" gewesen sein.

In dem Wohngebiet, in dem nun das "Bürgerzentrum" entstehen soll, leben viele Migranten. Gabriele Engelhardt befürchtet, dass es zu Übergriffen kommen könnte. Sie und ihre Mitstreiter haben Flyer in Kohlmanns Nachbarschaft verteilt, die aufklären sollen. Darüber wer da regelmäßig ein und aus geht, was die Zahlenkombination 88 auf Nummernschildern parkender Autos bedeuten.

Doch eigentlich geht es darum, Kohlmanns Pläne zu verhindern. Eine Onlinepetition gegen das "Bürger- und Begegnungszentrum" unterzeichneten bundesweit 30 000 Menschen. Was jedoch wirklich zählt, ist die Unterstützung jener, die aus Chemnitz selbst kommen und bereit sind, sich namentlich zu positionieren. Jüngst übergab Gabriele Engelhardt der Stadt eine Liste mit 600 Namen und Adressen, die Bürgermeisterin nahm sie persönlich in Empfang. Derzeit organisiert das Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus" eine Diskussionsrunde mit den Kandidaten, die sich im Bezirk zur Kommunalwahl haben aufstellen lassen. Unterstützer von Pro Chemnitz sind ausdrücklich unerwünscht. Für das Frühjahr ist ein Stadtteilfest geplant, mit Fußballtunier.

Regelmäßiger Treffpunkt der Gegner des "Bürgerzentrums" ist das Weltecho, so heißt der Jugendstilbau, dessen Schmuckfassade nach dem Krieg platt gehämmert wurde. Das Haus ist nur wenige Gehminuten von Kohlmanns Anwaltskanzlei entfernt. Es ist ein Ort für Lesungen, Ausstellungen und für Menschen auf der Suche nach Verbündeten. An einem stürmischen Montagabend Anfang März will Gabriele Engelhardt gemeinsam mit ihren Unterstützern über die weiteren Schritte beraten. Zwanzig Menschen sind in die Bar des Weltechos gekommen, darunter Stadträte und Anwohner. Sie sind allesamt Vertreter eines mittlerweile gut verzweigten Netzwerkes. Und doch drängt sich beim Anblick vieler leer gebliebener Stühle die Frage auf, ob es sich hier um eine Mehrheit oder eine Minderheit in der Stadt handelt.

Die jüngsten Ereignisse in der Stadt deuten eher auf Letzteres hin: Zwei Tage vor dem Treffen im Weltecho erinnerte der Chemnitzer FC an einen stadtbekannten rechtsextremen Hooligan mit Gedenkminute und Durchsage des Stadionsprechers. Ein Spieler des CFC hielt ein bei Neonazis beliebtes T-Shirt in die Höhe. Die Stadt reagierte schnell, kritisierte in einem Statement das Vorgehen des Vereins und betonte, Chemnitz sei eine weltoffene und tolerante Stadt. Doch der Vorfall zeigt, wie selbstbewusst Rechtsextreme mittlerweile auftreten können - auch weil ein nicht unerheblicher Teil der Stadtgesellschaft sie duldet oder sogar unterstützt.

"Ich stand da wie gelähmt"

"Die Stimmung ist schlechter geworden", sagt Anett Fischer. Sie sitzt in der Bar des Weltechos neben Gabriele Engelhardt. Sie ist 54, am Kragen ihrer Jacke steckt ein Button mit der Aufschrift "Omas gegen Rechts". Die Krankenschwester berichtet von einer Familienfeier anlässlich einer Einschulung. Zwei Gäste unterhielten sich darüber, wie viele Ausländer es in der Klasse ihrer Kinder gibt. Sie stand dabei, es fiel das Wort "Kanaken". Zum Schluss sagte einer: "Da hilft nur eins: Im Schulhaus aufhängen." Anett Fischer widersprach nicht. Bis heute macht sie sich deswegen Vorwürfe. "Ich stand da wie gelähmt."

Gabriele Engelhardt hat Ähnliches erlebt. Allerdings richten sich die Kommentare direkt gegen sie. Sie müsse mal vergewaltigt werden, ein Messer in den Bauch gerammt bekommen - das sagen ihr Chemnitzer ins Gesicht. Es sind Menschen, die ihren Hass nicht mehr im Herzen, sondern vor sich hertragen. Sind sie die Mehrheit? "Die Mehrheit", sagt Anett Fischer, "sind jene, die die Füße stillhalten und ihre Ruhe haben wollen."

Doch was für eine Ruhe soll das sein, in einer Stadt, die hoffnungslos gespalten scheint? In der es nur einen Anlass braucht, und die Hassparade steht bereit. So wie nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. Auf der Metallplakette, die an ihn erinnern soll, ist ein Symbol eingraviert, das in diesen Tagen als Botschaft an die Chemnitzer verstanden werden kann: das Peace-Symbol - das Zeichen für Frieden.

© SZ.de/ghe/cat
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