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Chemnitz und der Rechtsextremismus:Die umkämpfte Stadt

Prozessbeginn zur Messerattacke in Chemnitz

In der Nacht zum 26. August wurde Daniel H. in Chemnitz getötet - Rechtsextreme missbrauchten seinen Tod.

(Foto: dpa)

Nach dem Tod von Daniel H. kam es im August in Chemnitz zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen und zu Gegenprotesten. Jetzt sind die Kameras verschwunden, der Prozess gegen einen mutmaßlichen Täter beginnt - aber Ruhe ist nicht eingekehrt.

Die Blumen sind verschwunden, genauso die Grablichter und das Holzkreuz mit schwarzem Trauerflor. Geblieben ist eine schlichte Metallplakette, eingelassen in grauen Beton. Der Name von Daniel H. steht darauf und ein Datum. In der Nacht zum 26. August 2018 wurde Daniel H. hier auf der Brückenstraße attackiert. Einer der Angreifer stach ihm mit einem Messer mitten ins Herz. Die Ärzte konnten in der Notaufnahme nur noch seinen Tod feststellen. Er wurde 35 Jahre alt.

Jetzt, mehr als ein halbes Jahr später beginnt der Prozess gegen einen der mutmaßlichen Täter. Die Staatsanwaltschaft wirft Alaa S., einem anerkannten Flüchtling aus Syrien, unter anderem gemeinschaftlichen Totschlag vor. Eigentlich sollte mit ihm Farhad A. auf der Anklagebank sitzen. Dem Iraker gelang jedoch die Flucht. Verhandelt wird ab diesen Montag nicht in Chemnitz, sondern in Dresden. Aus Sicherheitsgründen.

6000 Demonstranten gegen 600 Polizisten

Denn nach dem Tod von Daniel H., auch daran erinnert die Metallplakette auf der Brückenstraße, entlud sich auf den Straßen von Chemnitz eine Wut, die die Sicherheitsbehörden völlig falsch einschätzten. Eine Wut, vor der der Staat zuweilen kapitulierte. 800 rechtsextreme Hooligans zogen wenige Stunden nach Bekanntwerden der Tat grölend durch die Stadt und bedrohten Migranten.

Während einer Kundgebung am 27. August, angemeldet von der rechtsextremen Wählergruppe Pro Chemnitz, standen 600 Polizisten 6000 Demonstranten gegenüber, darunter zahlreiche gewaltbereite Neonazis und Hooligans. Sie stürmten ohne großen Widerstand eine der Hauptstraßen und zogen später in kleinen Gruppen durch die Stadt. Unbekannte beschädigten die Fenster eines jüdischen Restaurants. Um den verstorbenen Daniel H. ging es längst nicht mehr - sondern darum, wer in der Stadt das Sagen hat.

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1000 Menschen demonstrierten damals gegen Rassismus. Für Chemnitzer Verhältnisse ein guter Schnitt. Doch es reichte nicht, um ein klares Zeichen zu setzen. Es folgte einige Tage später: "Wir sind mehr" - unter diesem Motto organisierte die lokale Band Kraftklub im September 2018 ein Festival mitten in der Stadt. Die Toten Hosen traten auf, und die Band Feine Sahne Fischfilet. 65 000 Menschen kamen, viele reisten aus entfernten Ecken der Bundesrepublik an. Es waren tolle Bilder, die eine Vision von Chemnitz, von Deutschland zeigten: weltoffen, fröhlich, solidarisch. Dann reisten Festivalbesucher und Kamerateams wieder ab.

Zurück blieben Chemnitzerinnen wie Gabriele Engelhardt, Sprecherin des Bündnisses "Aufstehen gegen Rassismus". Sie ist eine rundliche, robuste Frau. Bei Demonstrationen steht sie meist in der ersten Reihe, das Megafon in der Hand. Die 57-Jährige spricht von "Einsätzen", als handle es sich um eine gefährliche Mission. Und tatsächlich klingen manche ihrer Exkurse in die Vergangenheit genauso: Einmal, so erzählt sie, wurde sie nach einer Veranstaltung gegen die NPD von Rechtsextremen verprügelt. Bis heute plagt sie eine Blockade im Nacken.

Der Kampfschauplatz hat sich verlagert

Der Protest hat schon immer Engelhardts Leben bestimmt. 1989, so erzählt sie, organisierte sie die ersten Demonstrationen am Chemnitzer Karl-Marx-Monument. Für sie ist dieser Ort ein Symbol für den Freiheitskampf. "Proletarier aller Länder vereinigt euch", steht an der Hauswand. Als sich hier im Spätherbst 2018, nach dem Tod von Daniel H., Rechtsextreme mit besorgten Chemnitzer Bürgern vereinigten, organisierte Engelhardt Mahnwachen an dem Monument. Immer freitags. Manchmal waren sie nur zu zehnt. "Es ging darum zu zeigen, dass wir noch da sind."

Engelhardt und ihre Mitstreiter beklebten den Sockel unter dem riesenhaften Bronzeschädel von Karl Marx - dem Nischel - mit politischen Botschaften: "Kein Platz für Nazis" stand da. Bis 17 Uhr. Dann demonstrierte Pro Chemnitz, die Spruchbänder verschwanden. Über Monate ging das so. Bis Mitte Dezember. Da ließen sich die Anhänger der rechtsextremen Gruppierung zum letzten Mal am Karl-Marx-Monument blicken. Es war keine Kapitulation. Der Kampfschauplatz hatte sich lediglich verlagert.