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Charlie Hebdo:Die Resilienz der Franzosen

Fünf Jahre nach dem Anschlag steht Frankreich dazu, weiterhin eine streitende, freie Nation zu sein.

Fünf Jahre ist es her, dass mit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Frankreich eine Serie islamistischer Gewalt begann, die allein bis zum Sommer 2016 mehr als 200 Menschen das Leben kostete. Seitdem gehören Militärpatrouillen zum Straßenbild. Um den Eiffelturm wurde eine Glasmauer errichtet. Taschen werden nicht mehr kontrolliert, wenn man ein Kaufhaus verlässt, sondern wenn man es betritt - überall Rituale des schlimmsten Verdachts. Paris hätte allen Grund, die Hauptstadt des Argwohns zu werden.

Doch das Gewebe der französischen Hauptstadt ist eng und robust geknüpft. Man braucht hier nicht lange suchen, bis man jemanden findet, der eine Freundin oder einen Kollegen durch einen Anschlag verloren hat. Die Namen der Opfer sind nicht vergessen. Und so ist der Terror nicht einfach zu einer abstrakten Gefahr geworden, er wird von Trauer und Schmerz real gehalten, er wird mit Trotz und Lebenslust bekämpft.

Im Januar 2015 wählten die Brüder Kouachi ihre Opfer bewusst aus. Die Täter waren religiöse Fanatiker, die sich an denen rächen wollten, die ihren Dogmen entgegentraten. Der Angriff auf Charlie Hebdo war eine islamistisch motivierte Kampfansage an die Pressefreiheit. Nur zwei Tage darauf tötete ein Terrorist in einem jüdischen Supermarkt vier Menschen. Später, bei der Anschlagsserie am 13. November 2015 in Paris und am 14. Juli 2016 an der Promenade von Nizza, wurde der Terror wahllos.

Ziel wurden alle, die ein Leben in Freiheit feierten. Die terroristische Gewalt hat bis heute nicht aufgehört. Und schaltet man einen der vielen Dauernachrichtensender ein, gewinnt man den Eindruck, das Land sei von Hass und Panik zerfurcht. Doch wenn man sich vor Augen führt, wie tief und zahlreich die Wunden sind, die der Terror in Frankreich hinterlassen hat, und wie entschieden sich Solidarität und Zuversicht dennoch im Miteinander behaupten, kann man auch zur gegenteiligen Einsicht kommen. Das Land steht nicht geeint gegen den Terror, es steht dazu, weiterhin eine streitende, freie Nation zu sein.

Wenn man sich etwas von der Resilienz der Franzosen abschauen möchte, dann vielleicht dieses: Sie lassen sich vom Terror nicht die Agenda diktieren. Ja, Teile Frankreichs entzweien sich, so wie die Dschihadisten es sich wünschen, über die Frage, welchen Platz der Islam in der Gesellschaft hat. Aber die großen Debatten dieser Tage kreisen nicht um religiöse oder nationale Identität. Von den Gelbwesten bis zum Streik gegen die Rentenreform: Frankreich streitet darüber, wie Wohlstand gerecht verteilt wird.

Es ist eine notwendige Debatte, in der sich leider dennoch zeigt, wie langfristig und effizient das Gift des Terrors wirkt. Als Frankreich sich vor fünf Jahren bewusst wurde, dass es im Fokus islamistischer Ideologen steht, begann der Aufstieg der radikalen Rechten unter Marine Le Pen. Ihre Expertise beschränkt sich bis heute in erster Linie auf die Hetze gegen Ausländer und Muslime, dennoch fehlen ihre Parteifreunde inzwischen in keiner Debatte über den Sozialstaat. Der Terror hat sie zu TV-Dauergästen befördert. Was Frankreich heute fehlt, ist nicht die oft beschworene Einigkeit. Es ist eine Streitkultur, in der nicht die extremste Meinung zählt, sondern die zutreffendste Analyse.

© SZ vom 08.01.2020
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