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Charleston-Massaker:"Die dunkelsten Stunden meines Lebens"

Clementa Pinckney in Charleston

Trauernde verabschieden sich von Senator Clementa Pinckney.

(Foto: AP)

Obama hält heute die Trauerrede auf Pfarrer Clementa Pinckney, der in Charleston erschossen wurde. Bakari Sellers kennt beide. Was er sich vom US-Präsidenten erhofft und wieso Rassismus nicht Amerikas größtes Problem ist.

Von Matthias Kolb

Als ich Bakari Sellers im März 2015 das erste Mal traf, sprachen wir über die Südstaaten-Flagge, die in Columbia auf dem Gelände des Kapitols von South Carolina wehte. Acht Jahre war Sellers dort Abgeordneter gewesen und ständig hatte er sich über den Anblick der Fahne geärgert, wie er mir beim Gespräch in der Hotel-Lobby erzählte. Doch zugleich war der 30-Jährige ungemein optimistisch und sagte: "Das Problem meiner Generation ist nicht mehr der Rassismus, sondern der Gegensatz zwischen Reichen und Armen."

Ein Vierteljahr später weiß die halbe Welt, wie präsent der Rassismus in den USA bis heute ist, dass in Columbia noch immer die Konföderierten-Flagge weht - und welch wichtige Rolle sie im Denken des 21 Jahre alten Rassisten Dylann Roof spielte, der am 17. Juni neun Schwarze in der A.M.E. Church in Charleston erschoss. Einer von ihnen war Reverend Clementa Pinckney, der für Sellers ein wichtiger Freund und Mentor war, wie er am Telefon erzählt.

"Ich habe Clementa 2006 getroffen, als ich erstmals für das Parlament kandidiert habe. Er war schon als Senator in der Politik aktiv und er hat mir gute Ratschläge gegeben. In meinem Wahlkreis habe ich den ältesten Abgeordneten unseres Bundesstaates herausgefordert: Er war 82, ich 22. Als ich vereidigt wurde, war ich der jüngste Parlamentarier der USA und auch der jüngste Schwarze in einem öffentlichen Amt. Später wurde Clementa mein Freund. Er war ein toller Redner, der alle in seinen Bann zog - und wir alle vermissen ihn schrecklich."

Bakari Sellers, US-Politiker aus South Carolina

Bakari Sellers, demokratischer Politiker aus South Carolina. Er kannte Clementa Pinckney, den Pfarrer der A.M.E. Church in Charleston, der Mitte Juni mit acht anderen Schwarzen von einem weißen Rassisten erschossen wurde.

(Foto: Matthias Kolb)

Die Trauerrede auf den mit 41 Jahren ermordeten Pinckney hält Barack Obama. Sellers hat den US-Präsidenten mehrmals getroffen, denn er gehörte zu jenen Unterstützern des damaligen Kandidaten, die Tag und Nacht dafür arbeiteten, dass Obama 2008 die Vorwahl der Demokraten in South Carolina gewann. Er rechnet nicht damit, dass der Präsident klare politische Forderungen formulieren wird:

"Nein, das ist nicht der richtige Anlass für Politik. Es würde mich wundern, wenn er allzu viel über unser Verhältnis zu Waffen oder über die Symbolik der Flagge sprechen würde. Weil auch er Clementa Pinckney persönlich kannte, denke ich, dass der Präsident mehr über seine Freundschaft zu dem Toten sprechen wird."

Sellers, der sich eine Pause von der Politik gönnt und mittlerweile als Anwalt arbeitet, beschreibt die Erwartungen vieler Menschen an Obamas Auftritt so:

"Es ist alles sehr düster und traurig hier, ich habe die dunkelsten Stunden meines Lebens hinter mir. Ich wünsche mir, dass Obama Worte finden wird, die uns allen Hoffnung geben. Die Reaktionen und die Solidarität machen mir Mut, wir in South Carolina haben gut auf diesen Horror reagiert. Obama soll uns daran erinnern, dass die USA trotz allem ein großartiges Land sind. Es liegt an uns Bürgern, 'a more perfect union' zu verwirklichen, wie es in der Verfassung heißt. Wir können Amerika verändern."

Dass Bakari Sellers auch jenseits von South Carolina als großes politisches Talent gilt, wundert nicht: Er ist charismatisch, intelligent und wortgewandt. Doch auch am Telefon wird deutlich: Der fröhliche Klang in seiner Stimme ist weg, zu tief sitzt die Trauer. Ihm helfe sein Glauben, sagt er, und er bewundert die Angehörigen, die schon jetzt fähig waren, dem Attentäter zu vergeben.

Doch resignieren wird Sellers nicht, dafür hat er schon zu viel erlebt. Nach seinem Einzug ins Landesparlament nahm ihn das Magazin Time 2010 in die Liste "40 under 40" auf. Damals fiel jener Satz, auf den Journalisten wie ich ihn stets ansprechen: "Die größte Herausforderung für meine Generation ist nicht mehr der Rassismus, sondern der Gegensatz zwischen den Reichen und Armen." Auch nach dem Anschlag hält er an dieser Aussage fest, die oft missverstanden werde:

"Ich habe nie gesagt, dass es keinen Rassismus in Amerika gibt, ich bin ja nicht naiv. Der Hass existiert. Aber früher war Rassismus wie eine Decke aus Beton, die Schwarze am Aufstieg hinderte. Heute gibt es nicht einmal mehr eine gläserne Decke. Heute ist nicht mehr die Hautfarbe entscheidend, sondern in welcher Region du wohnst. Es geht um Bildung, um Gesundheit. Die US-Gesellschaft hat immer mit sich gerungen, das war oft sehr schmerzhaft, aber das Land ist dadurch besser geworden."

Die öffentliche Debatte, ob und wann die Südstaaten-Flagge vor dem Denkmal nahe des Kapitols verschwinden wird, verfolgt Bakari Sellers genau. Er kennt Gouverneurin Nikki Haley gut und lobt die Republikanerin für ihren Mut, das Thema offen anzusprechen. Doch in seinen Augen ist es längst noch nicht sicher, dass dieses Symbol bald abgehängt wird:

"Ich habe mich immer dafür eingesetzt, die Flagge abzunehmen, und nun gibt es eine Chance dafür. Aber bisher gibt es keinen Termin für die Abstimmung im Parlament und es gibt noch keine Mehrheit an Abgeordneten, die für diesen Schritt stimmen werden. Der öffentliche Druck muss also bestehen bleiben - je früher in den beiden Kammern darüber abgestimmt wird, umso besser sind unsere Chancen."

Zahlreiche US-Aktivisten und Kommentatoren haben zuletzt argumentiert, dass die Diskussion über die Flagge die eigentlich viel wichtigere Debatte über die amerikanischen Waffengesetze verdrängt habe (exemplarisch dieser Slate-Artikel). Bakari Sellers sieht diese Gefahr nicht:

"Momentan geht es um die Flagge, aber wir werden auch über unsere Obsession für Waffen und den Einfluss der NRA-Lobbyisten sprechen. Die Präsidentschaftskandidaten werden es irgendwann nicht mehr schaffen, sich vor dieser Frage wegzuducken, denn das Thema treibt hier viele Bürger um. Und weil South Carolina ein wichtiger Vorwahlstaat ist, müssen sowohl Demokraten als auch Republikaner klar ihre Meinung äußern."

Anfang Februar 2016 findet die primary in South Carolina statt - es ist traditionell die erste Vorwahl in einem der Südstaaten und gerade die Republikaner treten hier besonders konservativ auf. Als Reporter werde ich dann wieder nach Columbia reisen und Bakari Sellers fragen, wie sich sein Heimatstaat verändert hat. Und es wäre ein enormer Fortschritt für die USA und eine große Erleichterung für mich, wenn solche Fotos nicht mehr möglich wären.

© SZ.de/ghe
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