Die meisten kamen mit nicht viel mehr als einer Badehose und einem Schwimmreifen. Viele brachen nach Stunden im Mittelmeer zusammen, lagen einfach auf den Straßen von Ceuta herum. Etwa 50 000 Menschen sind bis Freitagnachmittag in der spanischen Exklave auf dem afrikanischen Kontinent angekommen, die allermeisten wohl männliche Marokkaner. Einen solchen Ansturm von Migranten auf ein westliches Land hat es bislang selten gegeben: Auf den Bildern aus Ceuta sieht man, wie Polizisten nur noch zuschauen können, wie Zehntausende an Land gehen, mindestens 57 sollen die Flucht nicht überlebt haben.
Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez hatte zwar bereits am Freitagmorgen angekündigt, selbst nach Ceuta zu kommen, um sich ein Bild zu machen, die Lage aber unterschätzt. Anfangs wollte die Regierung in Madrid lediglich 60 zusätzliche Soldaten und 30 Polizisten nach Ceuta schicken – in der Exklave angekommen verschärfte er aber seine Rhetorik und sprach von einem Angriff „der territorialen Integrität Spaniens“, den seine Regierung beantworten werde. Sein Innenministerium teilte nach spanischen Medienberichten mit, dass bereits 48 300 Marokkaner wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien.
Womöglich war ihnen klar geworden, dass sie sich zwar auf EU-Territorium befanden, aber wenig Chancen haben, auch auf das EU-Festland zu kommen, da Ceuta nicht Teil des Schengen-Gebiets ist. In Brüssel sorgen die Nachrichten aus Spanien dennoch für große Unruhe. Die Außengrenzen zu schützen und damit die irreguläre Migration einzudämmen, hat derzeit höchste Priorität in der Europäischen Union. Mit einer restriktiven Migrationspolitik wollen viele Regierungen den rechten Parteien den Nährboden entziehen. Italien hat am Freitag das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber Spanien vorläufig ausgesetzt. Das bedeutet, dass wieder Grenzkontrollen eingeführt werden. Die rechte Regierungschefin Giorgia Meloni sprach von einer „außergewöhnlichen Maßnahme“, „um die nationale Sicherheit zu gewährleisten und mögliche Auswirkungen für unser Land zu verhindern“.
Die Bilder aus Ceuta nennt die EU-Kommissionschefin „inakzeptabel“
Die Flüchtlingszahlen waren in den vergangenen Monaten auch stark gesunken – doch die Tausenden Flüchtlinge, die von Marokko über die spanische Exklave Ceuta nach Spanien kommen, lassen auch die EU machtlos erscheinen. Die Bilder aus Ceuta seien „inakzeptabel“, schrieb Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag auf der Plattform X. „Wir dürfen nicht zulassen, dass jemand in unsere Union kommt, ohne sich an unsere Regeln zu halten.“ Gefährliche Überfahrten müssten sofort unterbunden, Schleusernetzwerke zerschlagen werden. „Und Rückführungen müssen zügig erfolgen, so wie es unsere Regeln vorsehen.“ Von der Leyen hat zwei Kommissare beauftragt, sich um die Krise zu kümmern.
Der für Migrationsfragen zuständige Österreicher Magnus Brunner hält Kontakt zur spanischen Regierung. Er hat bereits angeboten, Beamte der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache (Frontex) zu schicken. Die Kroatin Dubravka Šuica soll mit der marokkanischen Regierung Wege diskutieren, die Flucht Richtung Spanien zu stoppen. Die EU hat umfangreiche Kooperationsabkommen mit Marokko und etlichen anderen nordafrikanischen Staaten geschlossen, nicht zuletzt in der Erwartung, dass sie gegen irreguläre Migration vorgehen. Auch dieses Modell steht nun auf dem Prüfstand.
Dabei wird es auch um die Frage gehen, wie 60 000 Menschen sich von Marokkos Küste ungehindert auf den Weg nach Ceuta machen können. Das Königreich in Nordafrika hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Migrationsströmen Politik gemacht – der Ansturm kommt nur wenige Tage, nachdem Spaniens Regierungschef Sánchez sehr zum Ärger Marokkos dem Rivalen Algerien einen Besuch abgestattet hatte.
Besondere Brisanz gewinnen die Ereignisse in Ceuta durch die Person des spanischen Ministerpräsidenten. Der Sozialist widersetzte sich in der EU zuletzt immer wieder der harten Migrationspolitik, die von den konservativen Regierungen getragen wird. Für Empörung sorgte er in diesem Jahr durch ein außerordentliches Regularisierungsprogramm. Das Bleiberecht winkt demnach Migranten, die sich bereits länger als fünf Monate in Spanien aufhalten. Mehr als eine Million Menschen, vorwiegend aus Süd- und Mittelamerika, haben bereits einen entsprechenden Antrag gestellt. Die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni tat sich mit besonders scharfer Kritik hervor. Sie fordert angesichts der Nachrichten aus Ceuta, Spanien aus dem grenzkontrollfreien Schengen-Raum auszuschließen.

