MeinungBaden-WürttembergNeuwahlen wird es nicht geben. Aber eine stabile Regierung Özdemir wohl auch nicht

Kolumne von Roland Muschel, Stuttgart

Lesezeit: 2 Min.

Nach der Wahl ist vor den Kompromissen: In Baden-Württemberg müssen der Grüne Cem Özdemir (li.) und Manuel Hagel von der CDU jetzt zueinanderfinden.
Nach der Wahl ist vor den Kompromissen: In Baden-Württemberg müssen der Grüne Cem Özdemir (li.) und Manuel Hagel von der CDU jetzt zueinanderfinden. Katharina Kausche/DPA
  • Grüne und CDU werden in Baden-Württemberg trotz unterschiedlicher Ansichten eine Koalition bilden müssen, da das Wahlergebnis und der Druck dafür zu groß sind.
  • Die künftige grün-schwarze Regierung unter Cem Özdemir hätte mit 112 von 157 Mandaten eine satte Mehrheit gegenüber nur 45 Oppositionsabgeordneten.
  • Einer gemeinsamen Koalition droht trotzdem eine innere Instabilität, da beide Parteien mit internen Problemen kämpfen und sich in kulturellen Fragen unterscheiden.
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Eine von Cem Özdemir geführte grün-schwarze Regierung in Baden-Württemberg könnte bequem regieren, von der Opposition droht kein Ungemach. Wären da nicht die kulturellen Gegensätze und die internen Probleme der Partner in spe.

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Ausgerechnet in den ersten Tagen nach dem knappen Wahlsieg von Cem Özdemir und seinen Grünen in Baden-Württemberg fiel beim Nur-beinahe-Sieger CDU erstaunlich oft das Wort Neuwahlen. Gerade so, als müsse man den Bürgerinnen und Bürgern nur schnell genug die Chance zur Korrektur ihres Votums geben. Dabei wollte das Wahlvolk genau das: Eine starke Regierung der politischen Mitte – mit dem populären Cem Özdemir an der Spitze.

Deshalb ist die zentrale Frage nicht, ob die nun näherrückenden Sondierungsgespräche von Grünen und CDU zu einer gemeinsamen Regierung führen, der dritten in Folge. Dafür ist das Votum zu klar, dafür ist die Gefahr eines weiteren Aufstiegs der AfD zu manifest, dafür ist auch der Druck der Wirtschaft und der Verbände, sich zu einigen, zu groß.

Die zentrale Frage ist vielmehr, wie stabil dieses Bündnis sein wird. Der vorläufige Befund lautet: wohl leider nicht allzu stabil.

Dabei hätte eine von Cem Özdemir geführte grün-schwarze Koalition nicht nur eine überragende Legitimation durch die Wählerschaft, sondern auch eine satte Mehrheit im Landtag. Jeweils 56 Mandate können die beiden großen Baden-Württemberg-Parteien auf sich vereinen. Von der Opposition muss eine solche Regierung wenig befürchten: Den 112 Abgeordneten von Grünen und CDU stehen gerade einmal 35 AfD-Politiker und zehn Sozialdemokraten gegenüber. Der Kontrolldruck auf eine Regierung, das lässt sich bereits sagen, war schon größer.

Kretschmann und Strobl vertrauten sich. Jetzt liegt es an Özdemir und Hagel

Cem Özdemir könnte also einer bequemen Amtszeit entgegenblicken. Tatsächlich muss er sich große Sorgen machen. Da ist auf der einen Seite eine CDU, die ihren Frust und auch ihre Verunsicherung durch verbale Kraftmeierei zu kompensieren sucht. Da ist ihr nicht mehr ganz so starker Anführer Manuel Hagel, der um seine Stellung kämpft, seinen Ruf. Der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein Vizeregierungschef Thomas Strobl von der CDU bildeten bislang eine stabile Achse, sie schätzen und vertrauen sich. Bislang ist auf CDU-Seite niemand in Sicht, der Strobls Rolle als Grünen-Versteher einnehmen kann.

Da ist auf der anderen Seite eine grüne Partei, die es gewohnt war, ihre zentralen Reformideen sehr detailgetreu in einem Koalitionsvertrag wiederzufinden. Und die Özdemir nun mühsam darauf vorbereiten muss, dass sie nicht nur seine strikten migrationspolitischen Positionen akzeptieren soll, sondern auch noch eine stärkere CDU-Handschrift.

Und da ist der sehr unterschiedliche Blick auf das „Rehaugen“-Video, der für etwas sehr Grundsätzliches steht: Hier müssen zwei Parteien zusammenfinden, die sich weniger in den politischen Inhalten unterscheiden, aber sehr wohl in kulturellen und habituellen Fragen.

Immerhin haben beide Parteien in der Vergangenheit bewiesen, dass sie zu Kompromissen fähig sind, zu pragmatischer Politik. Nun liegt es an Cem Özdemir und Manuel Hagel, die Grundlagen für eine Regierung zu schaffen, die mehr vertritt als nur den kleinsten gemeinsamen Nenner.

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Cem Özdemir gewinnt Wahlen in einem Land, in dem ihn die einen als zu türkisch und andere als zu wenig türkisch ansehen. Warum Zuwanderungsgeschichte noch immer eine Projektionsfläche ist – für Integrationshoffnungen, Verlustängste, Selbsthass und Stolz.

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