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Cem Özdemir:Heimspiel eines Schwaben

Die Politik blickt in den Südwesten, und sie blickt auf Cem Özdemir. Als Chef der Grünen ist das ewige Talent mit der "frechen Gosch" bisher blass geblieben, doch im Streit um das Großprojekt Stuttgart 21 gewinnt er an Profil.

Manchmal hilft einem sogar eine große Dummheit weiter. Nach dem massiven Vorgehen der Polizei gegen Gegner des Bahnhofsprojektes "Stuttgart 21" hielt Cem Özdemir dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten vor: "Mappus wollte Blut sehen." Später nahm der Vorsitzende der Grünen diese Äußerung zurück - "vollständig", wie er sagte. Gleichwohl verschafften der verbale Angriff und die Entschuldigung Özdemir zwei Tage lang eine beachtliche mediale Präsenz. Bald darauf war der Grünen-Chef dann Gast in der ARD-Talkshow Hart aber fair. Da konnte er zeigen, dass er durchaus auch in der Lage ist, sachlich zu argumentieren.

Stuttgart 21 - Cem Özdemir besucht Demonstranten

Besuch bei den Protestierenden: Cem Özdemir in Stuttgart, seinem "gefühlten Wahlkreis".

(Foto: dpa)

Überhaupt ist die Debatte um Stuttgart 21 ein Glücksfall für den 44-jährigen Cem Özdemir. Nicht nur, weil er zusammen mit Claudia Roth der Partei vorsitzt, die politisch offenbar am stärksten von dem Streit um das Großprojekt profitiert, sondern auch für ihn persönlich: Im Berliner Alltag stehlen die Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin den anderen Führungsgrünen die Schau. Für Özdemir, der nicht im Bundestag sitzt, ist die Hauptstadt wie ein dauerndes Auswärtsspiel. Das hat dazu geführt, dass er in den fast zwei Jahren seit seiner Wahl zum Grünen-Chef bundespolitisch wenig zur Geltung kam, als "zu blass" beschrieben wurde, als "ewiges Talent".

Jetzt aber ist es andersrum: Die Politik blickt in den Südwesten, Stuttgart 21 ist ein bundespolitisches Thema geworden. Und Cem Özdemir, der Schwabe, geboren in Bad Urach, findet sich plötzlich in einer Art Gastgeberrolle wieder. Zu verdanken hat er das unter anderem der Bundeskanzlerin, die aus dem Bau des unterirdischen Bahnhofs eine nationale Frage gemacht und noch dazu die Grünen faktisch zum derzeit härtesten Gegner ihrer CDU erklärt hat.

Özdemir lebt wegen des Parteivorsitzes mit seiner Familie in Berlin, aber seine politische Heimat ist Stuttgart, sein "gefühlter Wahlkreis", wie er es sagt. Landespolitisch ist bei den Grünen Wilfried Kretschmann die unumstrittene Nummer eins, der Fraktionschef im Landtag und Gegenspieler von Stefan Mappus.

Kretschmann, 62, strahlt selbst für manche Konservative das seriöse Bildungsbürgerliche aus, das sie zum Beispiel an ihrem früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel schätzten. Was Kretschmann fehlt, ist jedoch die überregionale Bekanntheit und die freche Gosch', wie der Schwabe sagt - deshalb ist Özdemir eine hilfreiche Ergänzung. "Wir stimmen uns sehr eng ab, telefonieren mehrmals in der Woche", sagt Özdemir. Keine andere Partei kann im Konflikt um Stuttgart 21 ein solches Tandem vorweisen.

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