Für einen erfolgreichen Wahlkampf galten bislang drei Orte als besonders aussichtsreich, um den Wählerinnen und Wähler die eigenen Botschaften näherzubringen: die Straße, das heimische Wohnzimmer und die sozialen Medien. Deshalb konzentrieren sich die Kampagnenplaner gemeinhin auf den Haustürwahlkampf, auf Fernsehduelle und Tiktok-Videos.
In Baden-Württemberg aber kommt nun ein vierter, bislang offenbar unterschätzter Ort hinzu: der Buchmarkt. Vor der Landtagswahl am 8. März 2026 füllen sich die Auslagen der Buchhandlungen mit einschlägigen Werken. Die geneigte Leserschaft hat nicht nur gleich zwei neuere Werke zur Wahl, die um das nahende Ende der Amtszeit des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann kreisen. Anfang 2026 gibt auch der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel ein Buch heraus. Mit seinen 37 Jahren ist es keine Biografie, dafür präsentiert er einen Band zu „75 Jahre Baden-Württemberg“, mit Beiträgen von 75 bekannten Menschen aus dem Südwesten. Das Landesjubiläum ist zwar erst ein Jahr später, 2027. Aber wer es als Ministerpräsident begehen will, mag sich Hagel denken, der ist vielleicht besser vor der Wahl auf dem Buchmarkt präsent.
Mit ministerpräsidentenhafter Miene Brücken bauen
Zumal in den Auslagen nun Cem Özdemir, Hagels Hauptkonkurrent um die Kretschmann-Nachfolge, sehr ministerpräsidentenhaft auf einem Buchcover prangt, mit ernstem Blick und Brille. Es ist die erste umfassende biografische Nahaufnahme über den Grünen-Politiker, geschrieben von dem Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel. Sie präsentieren den im schwäbischen Bad Urach aufgewachsenen Sohn türkischer Einwanderer, säkularen Muslim und Vegetarier mit zeitweiser Verantwortung für den deutschen Bauernstand so, wie er sich auch selbst am liebsten sieht: als Brückenbauer. Als einen Mittler zwischen den Welten, zwischen Ökologie und Ökonomie, Stadt und Land, den Religionen, Tradition und Moderne. Anekdotisch ausgeschmückt zeichnet das Buch Özdemirs Lebensweg nach bis hin zum ersten Bundesminister mit Migrationshintergrund. Von einem Politiker, der mal gehofft hatte, Deutschland als Außenminister vertreten zu dürfen, und der nun zurückkehrt, „hoim“ ins Ländle, um in Stuttgart Regierungschef zu werden.
In Amerika würde man wohl von einem „Comeback-Kid“ sprechen
Es gibt wohl wenige Kandidaten für ein Ministerpräsidentenamt, mit deren Biografie sich guten Gewissens 250 Seiten füllen lassen. Bei Özdemir besteht die Herausforderung dagegen eher darin, aus der Fülle des Stoffes auszuwählen. Die Autoren belassen es aber nicht einfach dabei, die Kerndaten einer Karriere sehr detailreich abzuhandeln, für die sich Özdemir in der US-amerikanischen Politik als „Comeback-Kid“ feiern lassen dürfte: den schnellen Aufstieg im politischen Bonn zum Medienliebling, den Rücktritt nach der Bonusmeilen-Affäre, die mühsame Rückkehr in die erste Reihe der Grünen, den Aufstieg zum Vorsitzenden der Bundespartei und schließlich zum Kabinettsmitglied in Berlin.

Die beiden Autoren verweben seine Lebensgeschichte vielmehr mit der einer ganzen Generation, mit dem mühsamen Ringen um Anerkennung und Aufstieg der Kinder der ersten türkischen Einwanderer, die noch den Status der Gastarbeiter hatten und auch so behandelt wurden. Özdemirs Jugendjahre fallen in eine Zeit, in der Deutschland noch nicht anerkennen will, ein Einwanderungsland zu sein. Mit den Gastarbeiterkindern wusste die Republik nicht so richtig etwas anzufangen. Als Özdemir den Wunsch äußerte, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu gehen, lachte die ganze Klasse. Später hatte er Mühe, einen deutschen Pass zu bekommen, und als sein Aufstieg bei den Grünen begann, war die Erwartung groß, dass er sich auf ein Themengebiet spezialisiere: die Ausländerpolitik, die damals noch so hieß, weil die Vokabel Migration nicht gebräuchlich war. Özdemir, der selbsternannte „anatolische Schwabe“, hat sich nicht darauf reduzieren lassen. Aber sich doch immer als Integrationspolitiker verstanden, sich für ein liberales Ausländerrecht eingesetzt. Heute, schreiben die Autoren, handele er das Thema Migration allerdings gelegentlich in einem Stil ab, den man „eher aus den Reihen von CDU und CSU zu erwarten hätte“.
Özdemir wird diese kritische Einlassung verschmerzen, schließlich will er auch Brücken in die konservative Wählerschaft bauen, die ihr Kreuz bislang allein wegen der Person Kretschmann bei den Grünen gemacht hat. Die offene Frage ist ja, ob seine (migrantische) Aufsteiger-Saga mit dieser Biografie bereits auserzählt ist – oder nach der Landtagswahl im März ein neues Kapitel beginnt.

