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CDU im Wahlkampf:Mit Kompass und Geranien

Berlin

Wo gehts zum Kanzleramt? Unbekannter Radfahrer im Corona-Frühjahr 2020 in Berlin.

(Foto: Regina Schmeken)

Generalsekretär Paul Ziemiak bereist mit dem Publizisten Georg Milde ein "herausgefordertes Land" und findet allerlei Anlässe zur Hoffnung.

Rezension von Robert Probst

Ende September wird vieles anders sein. Nach 16 Jahren ist Angela Merkel dann nicht mehr Kanzlerin. So viel ist sicher. Und laut Umfragen würde derzeit nur Schwarz-Grün eine Mehrheit im neuen Bundestag erreichen. Das lenkt den Fokus auf diese Konstellation, gleich wie nun der Unionskanzlerkandidat heißt.

Die Grünen haben an diesem Montag bekanntgegeben, dass Parteichefin Annalena Baerbock als Spitzenfrau ins Rennen geht. Robert Habeck verzichtete zugunsten seiner Co-Vorsitzenden, einige Wochen zuvor allerdings ein Buch auf den Markt gebracht mit dem Titel "Von hier aus anders. Eine politische Skizze".

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak hat nun zusammen mit dem Publizisten Georg Milde nachgelegt, der Titel: "Was anders bleibt. Reise durch ein herausgefordertes Land". Selbst wenn Annalena Baerbock die grüne Spitzenkandidatur für sich in Anspruch nehmen, und wenn auch Ziemiak das Wahlprogramm der Union nicht alleine schreiben wird, kann man ja schon mal nachdenken über das "anders" und wie es gemeint ist.

3167 Kilometer in einer Woche

Nicht sehr verwunderlich haben beide Politiker die großen Herausforderungen der vielfältigen Transformation in Technik, Gesellschaft und Politik als Ausgangspunkt ihrer Analyse gewählt und auch die Pandemie als "Brennglas" wahrgenommen, die viele Brüche erst richtig sichtbar gemacht habe. Doch damit endet auch schon die Gemeinsamkeit.

Während Habeck (SZ vom 18. Januar) seinen Lesern die Angst vor der nötigen Transformation durch breite soziologische Fundierung und ein ausgefeiltes Programm nehmen will, begeben sich Ziemiak und Milde in einem VW Bulli auf eine einwöchige Reise durch die Republik, um Mosaikstein für Mosaikstein eines deutschen Gefühls im Jahr 2020 - die Reise fand während des halbentspannten Corona-Sommers statt - zusammenzusetzen.

Diese Vorgehensweise ist nun nicht gerade originell, aber mehr als eine Woche Zeit wollte Berufspolitiker Ziemiak offenbar nicht opfern in diesen herausfordernden Zeiten. Dass er mit dem Politikwissenschaftler Georg Milde reiste, war ein kluger Schachzug, denn so wird Mildes Buch "In Transformationsgewittern" von 2019 in gewisser Weise fortgeführt. Damals war der Publizist in 13 Wochen in 13 Ländern auf der Suche nach den Schauplätzen des Umbruchs unterwegs gewesen.

Paul Ziemiak, Georg Milde: Was anders bleibt. Reise durch ein herausgefordertes Land. Herder-Verlag Freiburg, 2021. 192 Seiten, 20 Euro.

Die Stärke des nicht sehr dicken Buches, das von insgesamt 40 Begegnungen mit Menschen erzählt, die teils zufällig zustande kamen, teils natürlich geplant waren, besteht darin, dass man einen guten Eindruck davon bekommt, was in Deutschland gerade los ist. Dafür reichen 3167 Kilometer im Auto und ein paar Übernachtungen aus.

Dass viele Menschen auf der Straße Ziemiak wegen der Corona-Maske nicht erkannten, könnte auch zu einem realistischen Bild beigetragen haben - wenn etwa "Querdenker" oder Corona-Leugner mehrmals ganz unverblümt ihre Meinung über Merkel und Spahn und deren "diktatorische" Absichten kundtun.

Und das Buch ist gut zu lesen, weil es nicht im Politikerstil, sondern in der Art eines Reisetagebuchs geschrieben ist.

Die beiden wollen vor allem zuhören, nicht diskutieren

Der große Nachteil ist, dass Ziemiak und Milde meistens nur zuhören - und das auch als Absicht deklarieren. Man wolle zahlreiche Perspektiven bieten, damit sich jeder selbst ein Urteil bilden möge. Das meiste spreche auch ohne Bewertung für sich - oder im Fall der Corona-Leugner eben gegen sie. Diskutiert wird hier kaum.

Das führt dann aber zu reichlich absurden Begegnungen etwa mit der "Fridays for future"-Aktivistin Carla Reemtsma, die zwar über das Klima und die Sorgen der Jugend reden darf, aber zur Position der Union beim Thema Kohleausstieg oder Klimaziele auch klare Ansichten hat.

Die kommen aber nicht vor. Oder: Wenn im Gasthaus in Aschheim über den Skandal bei Wirecard räsoniert wird, fehlt gänzlich die Frage, ob die Politik hier womöglich auch ein paar Fehler gemacht haben könnte.

Schon im Jahr 1998 - damals wurde ein gewisser Gerhard Schröder Kanzler - schrieb Herbert Grönemeyer das Lied "Bleibt alles anders" mit der Textzeile: "Leb den Transit, zwing das wahre Geschick/Durchquer den Hades zum Ziel, Hoffnung als Gegengewicht."

Darauf läuft es auch bei Ziemiak und Milde hinaus. Sie nennen sich "Zukunftsoptimisten" und besuchen Innovationsbetriebe, die an selbstfliegenden Lufttaxis arbeiten, Automobilzulieferer, die sich für die Zeit nach dem Verbrennermotor neue Tätigkeitsfelder suchen, einen Arbeitslosenseelsorger und ziemlich viele Vereine und Initiativen, die sich um Integration, Schüler mit wenig Erfolgsperspektiven oder Langzeitarbeitslose kümmern.

Fast überall wird angepackt, sehr oft hören sie von guten Ideen, selten regiert der Pessimismus. Sie lauschen den Gedanken von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ("Die Demokratie wird überall müde") oder des Publizisten Michel Friedman ("Transformation ist per se mit Angst besetzt") und denken darüber nach, ob Geranien an Plattenbaubalkonen nicht auch etwas Halt geben können in Zeiten der Veränderung.

Was in 16 Jahren Merkel liegen bliebt, wird nicht erwähnt

Weil Ziemiak nicht das CDU-Parteiprogramm herbeten will, erfährt man erst am Schluss ein paar Schlagworte und Merksätze, die teils aber nicht zum Gehörten passen. Ein Unternehmer sagt etwa, der Staat möge sich zurückhalten beim Ordnungsrecht, der Markt regelt sich auch in Krisen selbst.

Die staatliche Regulierung sei aber besser als ihr Ruf, schreiben die Autoren. Auffallend ist, dass viele angesprochene Baustellen - vor allem beim Thema Bildung - Ländersache sind, und dass bei Problemen, die der Bund verbessern könnte, nie über Geld geredet wird.

Der innere Kompass funktioniert bei Georg Milde und Paul Ziemiak mit Geschichtsbewusstsein, Werteverbundenheit, Heimatverwurzelung, Vertrauen in die Zukunft, Weltoffenheit, aber auch mit Bereitschaft zur Veränderung. "Zusammengehörigkeit" und liberaler Rechtsstaat sind die Leitplanken; ihr Ideal sind Regionen, "in denen Wandel und Stabilität kein Widerspruch sind".

In dem Buch ist viel drin vom Konservatismus teils alter, teils moderner Prägung; eine Prise Nachhaltigkeit, ein bisschen Diversität - und weil man raffinierterweise nur nach vorn schaut, fehlt gänzlich die Selbstkritik, was alles schieflief oder liegen blieb die vergangenen Jahre seit 2005, als die Merkel-Union das Land regierte.

Grönemeyer dichtete einst: "Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders."

© SZ vom 19.04.2021
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