CDU Wiedervereinigung

Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz in Eslohe.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz treffen aufeinander - natürlich streng hierarchisch.

Von Nico Fried, Eslohe

Der Einzug erfolgt streng hierarchisch. Die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer vorneweg, dahinter der Generalsekretär Paul Ziemiak. Und erst mit etwas Abstand das einfache CDU-Mitglied Friedrich Merz. Es mögen knapp tausend Besucher in der Schützenhalle sein, die sich an den Tischen drängen und drumherum. Die Prominenz nimmt Platz und bei der Begrüßung läuft die Sache mal kurz andersrum: Kramp-Karrenbauer erhält sehr freundlichen Applaus, Friedrich Merz lauten, ja frenetischen Jubel.

Merz ist auf der Bühne quasi die Ein-Mann-Vorgruppe für die Vorsitzende

Ist aber auch kein Wunder. Eslohe im Sauerland, 9000 Einwohner. Im Gemeinderat nur drei Parteien: Die CDU hat 20 Sitze, die SPD sieben, die FDP fünf. Ganz alte Bundesrepublik, wenn man so will. Keine 50 Kilometer sind es von hier nach Brilon, der Heimatstadt von Friedrich Merz. Es ist sein Heimspiel. Genau deshalb muss er aber auch aufpassen. Das letzte Mal, als er sich seiner Sache zu sicher war, ist es schiefgegangen.

Eslohe geht an diesem Abend in die Geschichte ein. Zumindest in die Parteigeschichte der CDU. Zum ersten Mal treten Kramp-Karrenbauer und Merz hier wieder gemeinsam auf. Vier Monate liegt der CDU-Bundesparteitag zurück, auf dem Kramp-Karrenbauer mit knappem Vorsprung Merz besiegte und zur Nachfolgerin Angela Merkels an der Parteispitze gewählt wurde. Jetzt in Eslohe Wiedervereinigung, sozusagen.

So wird plötzlich zu einer mittleren Sensation, was die beiden Bewerber vor dem Hamburger Parteitag immer versprochen hatten: Egal, wer gewinnt, der Verlierer engagiert sich weiter für die CDU. Aber Merz hat nach seiner schmerzlichen Niederlage doch ziemlich rumgeeiert: Wahlkampf nein, dann doch ein bisschen; Ministeramt ja gerne, aber er dränge sich natürlich nicht auf. Und so weiter.

Und nun steht er auf der Bühne. Merz ist quasi die Ein-Mann-Vorgruppe für Kramp-Karrenbauer. Er freue sich über "die gute Stimmung, die wir in der CDU Deutschlands haben", sagt Merz. Bei der "lieben Annegret" wolle er sich bedanken "für die sechs Wochen, die wir zusammen verbracht haben". Merz meint die Regionalkonferenzen vor dem Parteitag. "Da haben wir uns oft gesehen, war auch angenehm." Die Entscheidung auf dem Parteitag hätte er sich natürlich "auch anders vorstellen können". Aber er stehe dazu, dass auch Kramp-Karrenbauer Erfolg haben solle.

Über die Entwicklung der CDU seither, über Kramp-Karrenbauers erste Entscheidungen, sagt er nichts. Stilles Einverständnis. Stattdessen redet er lange über das Sauerland. Merz weiß, was hier ankommt. Er fasst sich kurz, anders als in Hamburg. Seine Rede gefällt, auch das war in Hamburg anders. Dann kommt die Vorsitzende. Es gehe an diesem Abend um ihn, sagt Kramp-Karrenbauer - aber sie meint den Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen CDU für die Europawahl, Peter Liese, für den sie freundliche Worte findet. Sie witzelt ein bisschen über Parallelen zwischen dem Sauerland und dem Saarland: In beiden Regionen schütze man die Fußmatten mit zusätzlichen Lappen, damit sie nicht so schnell abgenutzt würden.

Die Rede der Vorsitzenden wird jetzt politischer, sie macht Ernst. Der Beifall wird prompt seltener. Schengen, Grenzkontrollen, Kriminalität, Sicherheit, Haushalt, Bundeswehr, Automobilindustrie, das sind jetzt die Themen - Zustimmung im Publikum ist da so sicher wie die Wahlerfolge der CDU im Sauerland. Es wird aber noch anstrengender: Klimawandel, Biodiversität, Denkblockaden, China, beziehungsweise "Schina", wie Kramp-Karrenbauer sagt. Der Saal schweigt nun immer wieder sehr lange. Als Kramp-Karrenbauer das Brexit-Gezerre in London anspricht und einige im Saal kichern, sagt die strenge Vorsitzende, da gebe es leider nichts zu lachen. Kramp-Karrenbauer kommt manchmal so pädagogisch daher wie Angela Merkel in ihren strapaziösesten Reden. Und AKK spricht sehr lange - wie Merz auf dem Parteitag in Hamburg.

Es ist vor diesem Abend über eine mögliche Kanzlerin Kramp-Karrenbauer, die eines Tages Merz als Minister berufen könne, viel spekuliert worden, sehr viel. Doch dazu fallen wenige Worte in Eslohe, sehr wenige - genau genommen: kein einziges. Eine Überraschung ist das nicht. Kramp-Karrenbauer und Merz leben gut mit dem Ungefähren. Die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft hält Merz im Spiel, ohne dass er viel dafür tun muss. Und sie hilft Kramp-Karrenbauer, die Anhänger des einstigen Widersachers hinter sich zu sammeln. Mit ihr wird er vielleicht noch was. Gegen sie bestimmt nicht. Die Hierarchie vom Einzug, sie gilt auch am Ende der Veranstaltung. Und noch ziemlich lange.