CDU Wandel im Vakuum

Andreas Rödder, Historiker mit Sendungsbewusstsein, hat ein konservatives Manifest geschrieben. Er propagiert Maß und Mitte "rechts von Merkel", scheut aber vor verzerrenden Polemiken nicht zurück.

Von Andreas Zielcke

Dem deutschen Konservatismus fehlt eine explizite Programmschrift, sagt Andreas Rödder. Als Historiker - er lehrt Neueste Geschichte in Mainz -, müsste er diese Lücke nur konstatieren. Doch Rödder, der sich einen bekennenden Konservativen nennt, hegt durchaus politische Ambitionen; in den Wahlkämpfen in Rheinland-Pfalz war er zweimal im Schattenkabinett von Julia Klöckner für Bildung und Kultur zuständig. Und auch wenn er betont, er schreibe nur "als Bürger", ist es wohl vor allem dieser Ehrgeiz, der ihn antreibt, die Lücke zu füllen.

Sein Manifest kommt im doppelten Sinn zur "rechten" Zeit. Da sich das Unionslager seit Angela Merkels Verzicht auf den Parteivorsitz immer offener von ihr abzusetzen beginnt, liefert ihm Rödders Plädoyer für ein zeitgemäßes konservatives Denken eine dezidierte Grundlage. Und so mächtig das alte politische Rechts-Links-Schema heute wieder auflebt, nachdem es vielen noch vor Kurzem als überholt schien, so eindeutig verortet auch Rödder seine Programmatik "rechts von Merkel". Dass sein Buch der konservativen Selbstvergewisserung dient, bedeutet nicht, dass es neue Einsichten offenbart. Tatsächlich ist "Konservativ 21.0" ein Repetitorium aller politischen Kernsätze, die Rödder schon häufig geäußert hat. Nicht nur in vorangehenden Schriften wie "Was heißt heute konservativ?" oder "21.0 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart", sondern auch in zahlreichen Interviews rekapituliert er seine Positionen seit bald einem Jahrzehnt wieder und wieder, oft sogar Wort für Wort, als müsse er sie dem Publikum wie Mantras einhämmern. Für einen Wissenschaftler ist das öde, für einen politischen Aspiranten ein erprobtes Rezept. Es geht um Eindringlichkeit, nicht um Originalität.

Viel Platz rechts (aber auch links) von Merkel: Die Kanzlerin beim Rückzug vom Parteivorsitz im Dezember 2018.

(Foto: Regina Schmeken)

Rödders zentrales Anliegen ist der "liberale Konservatismus". Auch wer außerhalb der konservativen Ideenwelt steht, muss zu schätzen wissen, wie unmissverständlich er sich abgrenzt vom alten antimodernistischen Konservatismus, vor allem von dessen reaktionärer Verschärfung in der Zwischenkriegszeit ("konservative "Revolution"), die Hitlers Aufstieg mitverschuldete: "Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust konnten Konservative in Deutschland weder an ein gewachsenes und geschichtliches Erbe anknüpfen, noch den Nationalsozialismus einfach als Ausnahme abtun, mit der sie nichts zu tun hatten." Ebenso entschieden grenzt sich Rödder von allen neuen ethnischen und illiberalen Vergangenheitsverklärern ab.

Rödders Wendigkeit grenzt an opportunistischen Relativismus

Der liberale Konservatismus dagegen lässt sich, und das ist seine zentrale Pointe, nicht mehr als Bestandsschutz oder gar als Rückkehr in gestrige Zeiten fassen, sondern schlicht als politisches Paradox: "Konservative verteidigen heute, was sie gestern bekämpft haben". Stillstand, der keine Verbesserung zulässt, akzeptieren sie nicht, Neuerungen haben allerdings die Beweislast gegen sich. Unter allen Umständen aber bekämpfen liberale Konservative, wie groß der Modernisierungsdruck auch sein mag, jede drastische Umwälzung, jede Tabula rasa, jedes rigorose Konzept. Selbst eine Willkommenskultur sei "scharf zu kritisieren", weil sie zum radikalen Dogma werde. Letztlich gehe es Konservativen nicht um fixierte Inhalte, sondern allein darum, den "Wandel der Zeiten verträglich zu gestalten".

Dass sich ein derart anpassungswilliger, wendiger Konservatismus den Vorwurf sachlicher Beliebigkeit, ja des opportunistischen Relativismus einhandelt, räumt Rödder ein, nimmt ihn aber in Kauf. Denn nur die konsequente Abwehr jeder politischen "Unbedingtheit" lasse jener "gelassenen Menschenfreundlichkeit", die Konservativen in erster Linie am Herzen liege, den nötigen Raum. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass jede politische oder normative Unbedingtheit menschenunfreundlich ist? Rödder scheint dies zu unterstellen, besonders wenn es um Linke, Grüne oder Anhänger der "Regenbogenkultur" geht. Hier würden die Menschen dem inhumanen Joch abstrakter Ideen unterworfen, zumal dann, wenn aufgrund solcher apodiktischen Missionen der liberale Staat pervertiert werde in einen "alles regelnden und regulierenden Staat", wenn nicht gar in "eine Umerziehungsagentur und den Schöpfer einer neuen Welt".

Andreas Rödder: Konservativ 21.0 - Eine Agenda für Deutschland. C.H.Beck Verlag, München 2019. 144 Seiten, 14,95 Euro.

(Foto: )

Rödder ist natürlich klug und realistisch genug, um zu wissen, dass dies für die allermeisten der von ihm ins Visier genommenen politisch Andersdenkenden maßlos übertrieben ist. Offenbar aber erhofft er sich mit solchen verzerrenden Polemiken einen mobilisierenden - und eben auch polarisierenden - Effekt. "Klug und realistisch genug" ist hier schon deshalb keine rhetorische Floskel, weil Rödder nicht nachlässt zu betonen, dass sein Konservatismus "Maß und Mitte" als oberste Denk- und Handlungstugend voraussetzt.

Abgesehen davon kommt seine politische Glaubenslehre auch nicht ohne unbedingte Prämissen aus. Menschenwürde, "humanistisches Selbstverständnis", Aufklärung, Demokratie, Subsidiarität, "Gleichwertigkeit der Menschen" und nicht zuletzt die schon genannte "Menschenfreundlichkeit", alle diese von ihm ins Zentrum gerückten Prinzipien gelten gewiss nicht als verhandelbar. Das Problem, um nicht zu sagen die Kunst einer liberalen Demokratie ist es nun mal, unbedingte Prämissen mit alltagsvernünftigem Pragmatismus und Willen zur zivilen Konfliktlösung unter einen Hut zu bringen. Und das gilt für alle Positionen auf der politischen Skala.