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CDU-Vorsitz:"Sie drei gäben eine prima Skatrunde ab"

Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz

Traute Einigkeit bei den drei Kandidaten: Norbert Röttgen, Armin Laschet und Friedrich Merz finden so recht keinen politischen Dissens.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Beim letzten gemeinsamen Auftritt vor der Wahl des CDU-Vorsitzenden präsentieren sich die Kandidaten Röttgen, Laschet und Merz in trauter Einigkeit. Sehr zum Verdruss der Moderatorin. Für Wirbel sorgt ein Vierter - und der ist gar nicht anwesend.

Von Viktoria Spinrad

Nach fast einer Stunde wirkt es, als wolle die Moderatorin vor Glück die Hände in die Luft werfen: die erste Mini-Kontroverse! Norbert Röttgen präsentierte sich gerade als "Law & Order"-Mann, der im Zweifelsfall auch Abschiebungen nach Syrien unterstützt, da unterbricht Armin Laschet ihn wirsch. Wie das denn funktionieren solle?

Röttgen, ganz in seiner Rolle des Außenexperten, erklärt, dass man Gefährder zum Beispiel in den nördlichen Teil des Landes abschieben könne. Dann ist auch Laschet wieder still, Merz grinst süffisant. Und die Moderatorin? Fragt sich wahrscheinlich, wie sie diese drei Männer jemals aus ihrer Reserve locken kann.

Dabei hatte Tanja Samrotzki bei der Diskussionsrunde um den CDU-Parteivorsitz am Freitagabend doch gleich zu Anfang die Leitlinie vorgegeben: Dissens zeigen!, so die Ansage. Doch stattdessen schienen sich die drei Herren eher einen Nebensatz zu eigen zu machen, den sie auch noch ausgegeben hatte: "Sie drei gäben eine prima Skatrunde ab", so die Moderatorin.

Wer eingeschaltet hatte in der Hoffnung, endlich etwas Orientierungshilfe für die Wahl in einer Woche zu erhalten, wurde jäh enttäuscht. Jeder der drei Kandidaten spielt seine seit zehn Monaten immer wieder praktizierte Rolle: Laschet gibt den fürsorglichen und stets zusammenführenden Landesvater, der von seiner Regierungserfahrung im bevölkerungsreichsten Bundesland zehrt. Merz spricht viel von der Wirtschaft - und Röttgen gibt den weltgewandten Visionär und Teamplayer, dem es nicht um die eigene Macht, sondern das Wohl der Partei gehe.

Klima und Umwelt, Innere Sicherheit, Europa und die Welt - so die drei Themenblöcke des zweiten und letzten von der Partei organisierten "Triells". Wenn die drei, die mit einer Wahl zum Parteivorsitzenden ja auch einer Kanzlerschaft einen Schritt weiterkämen, sich denn endlich mal, nun, triellieren würden. Umweltschutz und Wirtschaft? Schließen sich doch nicht gegenseitig aus. Innere Sicherheit? Null Toleranz. Europa? Braucht eine einheitliche Stimme. Soweit der Konsens.

Wie brave Schulbuben in der ersten Reihe

Dabei ist es ja nicht so, dass nichts passiert wäre seit der letzten Zusammenkunft vor drei Wochen. Der nächste harte Lockdown, Beginn der Impfstoff-Kampagne, ein Gesundheitsminister, der zwar offiziell im Team Laschet ist, aber offenbar seine eigenen Chancen auf eine Kanzlerkandidatur auslotet - und eine Frauen-Union, die nur wenige Stunden vor der Diskussion signalisiert, dass sie dem stets selbstbewussten Aspiranten Merz nicht allzu viel abgewinnen kann.

Diese Themen sind freilich nicht Gegenstand der Diskussion. Und so lümmeln die drei Juristen aus Nordrhein-Westfalen wie brave Schulbuben in der ersten Reihe auf den etwas zu klein wirkenden Stühlen, nippen an den Wassergläsern, profilieren sich ein wenig in ihren Themengebieten und loben die Arbeit der Kanzlerin, Europas oder gleich sich selbst.

Allenfalls beim Klimaschutz zeigten sich Unterschiede: Während der frühere Bundesumweltminister Röttgen ein ambitionierteres Vorgehen fordert, warnt Laschet davor, die deutsche Industrie durch überzogene Klimaschutzmaßnahmen zu ruinieren. "Wenn die Stahlindustrie abwandert nach China und da den Stahl produziert, ist dem Weltklima nicht gedient", so Laschet. Und Merz? Verweist, na klar, darauf, dass man Anstrengungen mit der Marktwirtschaft verbinden müsse.

Ansonsten versucht jeder, in seinem Beritt ein wenig aufzutrumpfen. Eine Kostprobe: "Ein Stahlunternehmen in Duisburg ist ein Beitrag zum Weltklima" (Laschet). "Als erstes müsste man den Clans die Autos wegnehmen" (Merz). "Wir brauchen eine europäische China-Strategie" (Röttgen). Oder vielleicht braucht die CDU eine Woche vor der Wahl eines der nächstmöglichen Tonangeber der westlichen Welt eine neue Wettbewerbs-Strategie?

Für Wirbel sorgt Spahn

In Umfragen deutet sich zunehmend ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den dreien an. Doch anstatt dass sich das Feld von CDU-Kanzlerkandidaten verengt, scheint es immer breiter zu werden: Kurz vor der Debatte war rausgekommen, dass Jens Spahn sich offenbar durch die einflussreichen Politiker in der Partei telefoniert hatte, um seine Chancen auf eine eigene Kandidatur auszuloten. Was er, ganz der Diplomat, natürlich umgehend dementierte. Ein Putschversuch von innen? Soll Laschet etwa vom Versuch, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat zu werden, abgebracht werden? Dieser sieht sich nach der Diskussion genötigt, zu bestätigen, dass da nichts dran sei. Er glaube Spahns Wort, dass dieser im Team Laschet stehe.

Acht Monate vor der Bundestagswahl scheint immer unklarer, wer in Deutschland demnächst das Zepter in der Hand hält. Merz, der Liebling der Konservativen? Laschet, der Versöhner? Röttgen, der einst als Außenseiter antrat, sich in den vergangen Wochen aber zunehmend profilierte und nun mit Laschet um Stimmen aus dem liberalen Lager konkurriert? Oder wagen sich doch noch ein Gesundheitsminister oder ein bayerischer Ministerpräsident aus der Deckung? Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatten zuletzt erklärt, dass der zukünftige Kanzlerkandidat nicht unbedingt der CDU-Parteivorsitzende sein müsse - das Rennen ist also in alle Richtungen offen.

Das nimmt den 1001 Delegierten, die in der kommenden Woche wählen, den Druck, mit ihrer Wahl auch den Kanzlerkandidaten in spe zu küren. Eine klare Wahlempfehlung bekamen sie am Freitagabend vom ehemaligen Unionsfraktionschef, dem einzigen aus dem Trio ohne Regierungserfahrung: "Die Basis der CDU will einen Parteivorsitzenden Friedrich Merz", sagte eben dieser, selbstbewusst wie eh und je, im Anschluss an die Diskussion. Ob die Delegierten dem folgen und so den größtmöglichen Bruch mit der Ära Merkel vollziehen, wird sich in einer Woche zeigen.

© SZ/aner
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