bedeckt München 23°

CDU Thüringen:Solidarisch mit einem Phantom

Die CDU Thüringen wählt den abwesenden Dieter Althaus mit starkem Ergebnis zum Spitzenkandidaten. Kritische Fragen werden nicht mal im Ansatz gestellt und Alt-Ministerpräsident Vogel lobt den Rekonvaleszenten.

Jens Schneider, Waltershausen

Große Politiker sind geniale Illusionisten, zumindest möchten sie es gern sein. Bernhard Vogel hat die Thüringer CDU viele Jahre machtvoll geführt, auch heute zieht er noch im Hintergrund Fäden. Ohne seine Förderung wäre Dieter Althaus kaum je Ministerpräsident geworden. Nun ist Vogel zum CDU-Parteitag nach Waltershausen bei Gotha gekommen, um den nach seinem Skiunfall noch immer nicht gesunden Regierungschef zu unterstützen. Und so ruft Vogel nun einen Satz in den Saal hinein, der wie die Beschwörung eines alten Zauberers klingt: "Dieter Althaus ist wieder da, und Dieter Althaus kehrt zurück."

Nein, das ist nicht Dieter Althaus und auch nicht sein Schatten. Aber seit seinem Unfall ist er eine Art Phantom.

(Foto: Foto: dpa)

Für jeden der mehr als hundert Delegierten der Thüringer CDU in der Halle wäre die Widersprüchlichkeit dieser Aussage leicht zu erkennen. Entweder man ist wieder da, oder kehrt erst noch zurück. Und faktisch wissen alle, dass Althaus keineswegs noch nicht wieder da ist, gerade jetzt nicht, hier an diesem Samstag.

Die Delegierten sind ja in dem Wissen gekommen, dass sie ihn in Abwesenheit mit großer Mehrheit zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahlen Ende August wählen sollen. Und wissen sonst sehr wenig über seine Lage. Aber keiner stutzt, keiner schaut irritiert. Donnernder Applaus dröhnt durch die Halle. Vogel bekommt so viel Beifall wie kein Redner vor ihm an diesem Tag.

Denn sein fulminanter Auftritt bietet den Christdemokraten zumindest für einen Augenblick den Anschein jener Normalität und Unerschütterlichkeit, die sie hier alle unbedingt demonstrieren wollen. Obwohl doch eigentlich nichts normal ist, und obwohl die wenigsten unerschüttert sein dürften angesichts der beklemmenden Situation.

Elf Wochen liegt der schwere Skiunfall des CDU-Landeschefs und Ministerpräsidenten Althaus zurück, bei dem am Neujahrstag eine 41-jährige Mutter ums Leben kam. Althaus ist wegen seiner Schuld inzwischen im Eilverfahren zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Von seiner schweren Verletzung erholt er sich in der Reha in Allensbach am Bodensee.

Es gab seither keine öffentlichen Auftritte von ihm. Es gibt auch keine kurze Video-Botschaft, wie sie manche vor diesem Parteitag in Waltershausen erwartet haben. Die wenigsten Delegierten wissen also, wie es Althaus wirklich geht. An diesem Samstag gibt es von nur schriftliche Botschaften vom Bodensee. Da ist zunächst ein Brief mit der Anrede "Sehr geehrter Herr Tagungspräsident, liebe Freunde", den seine Stellvertreterin Birgit Diezel dem stillen, gespannt erwartungsvollen Saal vorliest.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB