CDU-Vorsitz Die Ausgangslage

Als Angela Merkel am 29. Oktober im obersten Führungsgremium der CDU, dem Präsidium, ihren Rückzug vom Parteivorsitz ankündigte, wusste ihre Generalsekretärin gerade mal ein paar Minuten von der neuen Lage. Und kaum war Merkels Botschaft nach draußen gedrungen, meldete sich Friedrich Merz via Bild-Zeitung mit der Botschaft, er stünde zur Verfügung, wenn die CDU daran Interesse habe.

Noch war es keine offizielle Kandidatur, geschweige denn eine, bei der Merz von vornherein die Bereitschaft zum Wettstreit erklärte. Aber weil sein Interesse die allermeisten in der Partei und in den Medien überraschte, gehörte Merz die erste Phase des Wettstreits.

Aber: Er ist bislang kaum aus der Schublade rausgekommen, in die ihn viele packten: Merkel-Feind, Vertreter der Großfinanz, Gegner eines großzügigen Sozialstaates. Bislang beherrschen die alten Bilder den Blick auf diesen Kandidaten.

Dabei ging beinahe unter, dass er in einem ersten kurzen Auftritt in Berlin versuchte, vor allem neue Akzente zu setzen. Mehr Frauen in die Politik, mehr junge Leute, dazu mehr Leidenschaft für Europa und für eine gute Umwelt.

Seine Bemühungen, die alten Bilder durch neue zu ersetzen, gelangen nur teilweise. Er sei kein Anti-Merkel, er sei nicht mehr der Merz des Jahres 2002, er kämpfe für mehr Solidarität in Europa - all das kündigte er an und doch blieb es noch nicht wirklich haften. Zu stark wirken die Bilder nach, die nach seinem Abgang von ihm eingefroren wurden.

Aus diesem Grund werden für ihn die acht Regionalkonferenzen entscheidend sein. Gelingt es ihm dort nicht, ein glaubwürdiges Bild vom Friedrich Merz des Jahres 2018 zu zeichnen, mit Altem und Neuem, mit konservativen Überzeugungen und modernen neuen Ansätzen, dann dürfte er es schwer haben. Denn trotz seines Überraschungsstarts haben sich die Verhältnisse verschoben.

Und das hat viel mit der zweiten Phase des Wettbewerbs zu tun. Die bisherige Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer wurde zunächst von Merkels Schritt ebenso überrascht wie von Merz' schneller Ankündigung. Doch als sie sich berappelt hatte, legte sie eine selbstbewusste Präsentation in Berlin hin - und lässt kaum einen Tag ohne neues Interview und neue Botschaft vergehen.

Fehlte ihr anfangs die Energie, so hat sie sich diese zurückgeholt. Dabei setzt sie teilweise auf sehr harsche, konservative Positionen im Umgang mit straffälligen Asylbewerbern, die man einem Horst Seehofer wahrscheinlich nicht ohne Kritik durchgehen lassen würde.

Lebenslanges Einreiseverbot, dazu Abschiebungen ins Bürgerkriegsland Syrien - wüsste man nicht, dass es um den CDU-Vorsitz geht, dann könnte man Kramp-Karrenbauers Performance wie eine Bewerbung fürs Innenministerium lesen. Die CDU-Politikerin hat sich in den Umfragen nach Rückständen gegenüber Merz nun einen leichten Vorteil erarbeitet.

Von Jens Spahn, dem Dritten im Bunde, lässt sich das bislang nicht sagen. Er rangiert in allen Umfragen an dritter Stelle, und zwar mit deutlichem Abstand. Gleichwohl hat sich der Jüngste in der Bewerbertruppe noch lange nicht aufgegeben, sondern glaubt, seine Rolle in der des jungen konservativen Rebellen gefunden zu haben.

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Ob das wirklich zu mehr reichen wird, ist offen. Aber je länger der Wettbewerb läuft, desto deutlicher wird, dass er darauf setzt, die derzeitige Bühne auch zur Stärkung seiner Position in der Zeit nach der Wahl zu nutzen.

Aus diesem Grund wird er nicht vorab aufgeben. Jedenfalls nicht vor dem Parteitag in Hamburg - und vielleicht auch nicht vor dem ersten Wahlgang. Dahinter dürfte auch sein Kalkül stecken, dass er nur dann zu einer Art Zünglein an der Waage werden könnte.

Dass er sich dabei zur Attacke auf die beiden anderen Kandidaten entschieden hat, schärft zwar sein Profil, ist aber nicht ohne Risiko. Die CDU setzt sehr auf einen spannenden Wettbewerb, Abwertungen der Konkurrenten aber kann sie in der Regel gar nicht leiden. Merz sei zu beliebig und Kramp-Karrenbauer habe ihn mit ihrer Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe persönlich verletzt - das sind Wertungen, mit denen er das Risiko eingeht, das Fairness-Gelübde aufzugeben.