CDU-Parteivorsitz Der Kampf um Merkels Erbe

Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn pflegen unterschiedliche Stile. Wer wird die Christdemokraten in Zukunft führen?

Von Stefan Braun und Nico Fried

Der Rückkehrer

Friedrich Merz' Kandidatur hat viele überrascht

Das Überraschungsmoment gehörte ihm. Als im Spätsommer in der CDU Überlegungen lauter wurden, wer angesichts der schlechten Umfragen und noch schlechteren Stimmung Angela Merkel beerben könnte, fielen einige Namen. Der Name Friedrich Merz aber fiel so gut wie nie. Zu weit weg, zu lange raus, zu fern der Politik - das waren die weitverbreiteten Einschätzungen. Umso überraschender kam seine Ankündigung anzutreten. Seine wichtigsten Kontrahenten Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn wurden kalt erwischt, als Merz nur wenige Minuten nach Merkels Rückzugsbotschaft vermelden ließ, er stehe zur Verfügung.

War bis 2002 Fraktionsvorsitzender: Friedrich Merz.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Aus dem Startvorteil allerdings hat er zunächst wenig gemacht. Vielmehr wirkte der 63-Jährige auf merkwürdige Weise unvorbereitet, als er erst in eine ängstliche Debatte über sein Einkommen stolperte und sich dann in eine Diskussion übers Asylrecht stürzte, die sofort wie eine gigantische Provokation wirken musste. Statt Schwung auszustrahlen, schlich der Kandidat durch die ersten Tage. Und schien all jene zu bestätigen, die ihn als einen Mann von gestern einschätzen.

Dabei hat er im Laufe seiner Auftritte Versuche unternommen, diesem Bild entgegenzutreten. So räumte er offen ein, dass er auch durch die Lebenserfahrung der eigenen Töchter heute anders auf Kitas und Ganztagsschulen schaue als früher; dass er außerdem der Meinung sei, die Umweltpolitik müsse für die CDU eine größere Rolle spielen. Und beim heiklen Thema Abschiebungen von straffälligen Asylbewerbern gab sich ausgerechnet Merz sanfter als seine größte Konkurrentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Während sie sich für eine sofortige Abschiebung nach Syrien aussprach, vertrat Merz die Auffassung, dass sich eine Abschiebung in Kriegsgebiete aus seiner Sicht als Christdemokrat verbiete.

Trotz dieser Bemühungen ist es Merz bislang kaum gelungen, gegen teils berechtigte, teils überholte Klischees anzukommen. Merz polarisierte und mobilisierte früher - und das tut er heute noch. Seine Anhänger erhoffen sich von ihm mehr Leidenschaft, mehr offene Debatten, mehr Kampfbereitschaft; seine Kritiker zweifeln daran, dass es ihm wirklich ernst ist mit der Behauptung, er engagiere sich im Kampf um den Vorsitz für die CDU und nicht gegen Angela Merkel. Gut möglich, dass viele Delegierte vor allem seine Rede abwarten, bevor sie sich entscheiden.

Die Erfahrene

Annegret Kramp-Karrenbauer gilt als zurückhaltend

Annegret Kramp-Karrenbauer hat nicht unbedingt mit dieser Konkurrenz gerechnet. Trotzdem ist sie auf den Wettstreit um den CDU-Vorsitz am besten vorbereitet. Ihre Bewerbung begann in Wahrheit nicht am 29. Oktober, als Merkel ihren Rückzug ankündigte. AKK, wie sie alle in der Partei nur noch rufen, hat ihren Hut schon Anfang des Jahres in den Ring geworfen. Damals entschloss sie sich, das Amt der saarländischen Ministerpräsidentin gegen das der CDU-Generalsekretärin einzutauschen. "Ich kann, ich will und ich werde", erklärte sie damals unter dem Jubel der Delegierten. Und niemand im Saal glaubte, sie habe das allein auf den Posten der Generalsekretärin bezogen. Die Begeisterung bezog sich gleichwohl auf AKKs demonstrativen Willen, der CDU wieder auf die Beine zu helfen.

Ist seit Februar Generalsekretärin: Annegret Kramp-Karrenbauer.

(Foto: Thomas Trutschel/photothek.net)

Entsprechend stellt niemand ihre Leidenschaft für die Partei infrage. Ihren persönlichen Ehrgeiz kann sie wie Angela Merkel hinter demonstrativer Bescheidenheit verbergen. Ein Trumpf, der schwer wiegen könnte in einer Partei, die kulturell von kaum etwas so sehr verändert worden ist wie vom unprätentiösen Auftritt Merkels. Es ist viel über Ähnlichkeiten zwischen der Kanzlerin und Kramp-Karrenbauer geschrieben worden. An keiner anderen Stelle dürfte das freilich so zutreffen wie beim persönlichen Auftreten.

Ansonsten gibt es aber durchaus gravierende Unterschiede. Kramp-Karrenbauer, 56, gilt in sozialpolitischen Fragen entschlossener als Merkel; ihr Werben für mehr Hilfe für Alleinerziehende und Geringverdiener ist keine Masche, sondern ernst gemeint. Und dazu vertritt sie im Umgang mit Flüchtlingen, deren Pflichten und deren Abschiebung, wenn sie schwer straffällig wurden, derart harsche Positionen, wie Merkel sie öffentlich nie geäußert hat. Abschieben nach Syrien - für AKK kein Problem. Lebenslange Einreisesperre nach Deutschland und Europa - auch das hat sie laut in die Welt gerufen. Problem hier: Dies gibt es längst, durch ihre Forderung aber ist der Eindruck entstanden, das müsse dringend und ganz schnell noch beschlossen werden. Man könnte das auch als Populismus bezeichnen.

Und doch gelten ihre sonst übliche rhetorische Zurückhaltung, ihre zugewandte Art und ihre Teamfähigkeit als Pluspunkte, jedenfalls bei ihren Unterstützern. Ihre Kritiker dagegen zweifeln, ob sie tatsächlich so viel Neuanfang, Schwung und Energie in die Partei bringt, wie es sich viele Christdemokraten wünschen.

Der Außenseiter

Jens Spahn stärkt seine Optionen für die Zukunft

Jens Spahn hat schon gewonnen, ehe er verloren hat. Der Gesundheitsminister gilt zwar als Außenseiter im Kampf um den Parteivorsitz. Doch seine Optionen für die Zukunft hat sich der 38-jährige Westfale mit seiner Kandidatur weiter verbessert. Nach den Regionalkonferenzen war an der Basis immer wieder zu hören, Spahn wirke live viel sympathischer als im Fernsehen. Sein parteiinterner Wahlkampf war dem der Konkurrenten ebenbürtig, er präsentierte sich gleichermaßen als agiles Mitglied der Regierung wie auch als bodenständiger Konservativer. Erwartungsgemäß betonte er die Themen Migration und Innere Sicherheit, wirkte aber auch bei sozialen Fragen differenzierter als Friedrich Merz und qua Amt mindestens ebenso gut im Stoff wie die stets detailsichere langjährige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Gesundheitsminister in Merkels Kabinett: Jens Spahn.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Spahn, der seit Jahren vor allem mit der Migrationspolitik Merkels hadert, hatte schon über eine Kandidatur für den Parteivorsitz nachgedacht, als in der CDU von Merkels Verzicht noch niemand etwas wusste. Ob er wirklich gegen sie angetreten wäre, ist unklar. Dass er gegen Kramp-Karrenbauer gewonnen hätte, wenn nur diese beiden Kandidaten zur Wahl gestanden hätten, ist zweifelhaft. Doch mit Merz' Kandidatur kam sowieso alles anders.

Spahn war von der Rückkehr des Mannes überrascht, dem Merkel einst den Fraktionsvorsitz abgenommen hatte. Merz' Karriere schien an jenem Tag 2002 beendet zu sein, an dem Spahn als neuer Abgeordneter seine erste Fraktionssitzung überhaupt erlebte. Er erzählt das gerne, um zu unterstreichen, dass nur er für einen wirklichen Generationswechsel in der CDU stehe. In den 16 Jahren seit seinem Einzug ins Parlament verlief Spahns Weg ziemlich konstant nach oben. Er machte als kompetenter Gesundheitspolitiker von sich reden, eckte kalkuliert mit konservativen Positionen an, um Aufmerksamkeit zu erregen, und setzte sich 2014 bei der Wahl des CDU-Präsidiums gegen den damaligen Gesundheitsminister Herrmann Gröhe durch. Wolfgang Schäuble förderte Spahn und holte ihn 2015 als Staatssekretär ins Finanzministerium.

Dass Schäuble nun Merz favorisiert, ist für Spahn nicht schön. Andererseits sagen selbst Wohlmeinende, dass ein Rückschlag dem ehrgeizigen Spahn auch förderlich sein könnte. Schließlich hätten auch Helmut Kohl - bei der Niederlage gegen Rainer Barzel 1971 - oder Angela Merkel - beim Verzicht auf die Kanzlerkandidatur 2002 - aus Niederlagen neue Motivation geschöpft.

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CDU-Vorsitz

Wen prominente Parteikollegen unterstützen

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