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CDU:Merkels Gespür für die richtige Dramaturgie

Die große Abrechnung bleibt aus. So geschickt wie entschlossen zieht die CDU-Chefin den Parteitag noch einmal auf ihre Seite - vielleicht ein letztes Mal.

Am Ende darf Angela Merkel entspannt ins Publikum winken. Man könnte fast sagen: Sie kann nach ziemlich exakt einer Stunde lässig in die Halle lächeln. Die tausend Delegierten beklatschen ihren Auftritt. Sie stehen dazu auf, und weil sie gerade dabei sind, hören sie mit ihren Ovationen minutenlang nicht mehr auf.

Nun ist das bei der CDU üblich, und deshalb wirkt es wie immer. Nicht wie immer ist allerdings, was die Kanzlerin dann tut. Sie schreitet unter dem Beifall der Leute am gesamten Führungspersonal vorbei, bis sie bei Jens Spahn landet. Dem Jens Spahn, der sie in den vergangenen Monaten deutlich kritisiert hat und künftig Minister in ihrem Kabinett sein wird.

Merkel gibt ihm - nur ihm - die Hand. Sie schaut ihm in die Augen. Sie sagt ein paar Worte, die keiner hören kann. Und obwohl das beinahe nett aussieht, hat diese Geste noch eine zweite Bedeutung: Hier zeigt die Kanzlerin, wer Chefin ist im Hause. Eine sehr seltene und sehr männliche Geste für Deutschlands Kanzlerin.

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Jens Spahn

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Nicht schlecht, nicht ohne Chuzpe jedenfalls nach all dem, was in den vergangenen Wochen so los war. Mit gescheiterten Jamaika-Sondierungen, mühsamen Koalitionsverhandlungen und jeder Menge Zweifel an der CDU-Vorsitzenden. Rund lief da nichts, Baustellen gab es viele. Vor allem aber hatte sich Kritik breit gemacht, weil die Flüchtlingskrise und ihre Folgen sehr vielen bis heute in den Kleidern hängen.

Denn die CDU lebt nicht nur in einer neuen Welt der Globalisierung und Digitalisierung. Sie muss plötzlich ertragen, was sie nie ertragen wollte: eine Welt, in der sich eine Partei rechts von ihr etabliert hat. Die AfD hat für die CDU manches verändert. Vor allem zwingt sie die Christdemokraten, neu über sich selbst nachzudenken.

Da passt es, dass sie dieses Mal hier gelandet sind. In der Station im Stadtteil Kreuzberg, einem ehemaligen Straßenbahndepot mit viel Umbau-Charme, in dem das sonst übliche Publikum gerne viel von Aufbruch redet und dazu laute Musik hört.

Auf der Bühne dominiert das Wort "neu"

Politisch im Gedächtnis ist diese Halle allerdings vor allem, weil die FDP von hier aus den Neuanfang suchte. Damals, im Herbst 2013, lag sie im Keller. Debakelös ihr Zustand, katastrophal ihre Perspektive. Zu behaupten, dass die Christdemokraten in einem ähnlichen Zustand sein könnten, wäre zwar gemein und stark übertrieben. Aber dass es hier irgendwie auch um Aufbruch und Neuanfang geht, entspricht nicht nur der Stimmung einiger, die Merkel zuletzt kritisiert haben. Es ist die Rhetorik, mit der die CDU-Führung heute selbst antritt.

Auf der großen blauen Bühne dominiert das Wort "neu": "Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land." Der Dreiklang soll also der neue Start sein.

Was natürlich Fragen aufwirft, bei einer Partei, die seit mehr als zwölf Jahren an der Macht ist. Merkel kriegt es hin, kein einziges Wort über sich und die eigene Verantwortung für den Wunsch nach Erneuerung zu verlieren. Stattdessen spricht sie davon, sich immer wieder neu zu erfinden. Sie nennt das anders. Sie sagt: "Wir sind nie fertig. Unsere programmatische Arbeit ist nie abgeschlossen."

Merkel klingt entschlossen und bleibt doch vage. Sie mahnt, dass die CDU auf Dauer nur erfolgreich bleiben könne, "wenn wir aus unserer Programmatik die Antworten auf die neuen Herausforderungen dieser unruhigen Zeit geben". Es gehe also im Kern um die Frage, "wie wir das Wohlstandsversprechen erneuern können". So richtig das alles erscheint, so offen bleibt die CDU-Vorsitzende bei der Frage, was das konkret bedeutet.

Das heißt nicht, dass sie darauf gar keine Antwort geben würde. Es ist nur die gleiche wie seit Jahren. Vielleicht sogar Jahrzehnten. Wie bei der Gründung der CDU sei Basis für alles "das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild". Die CDU presse niemanden in ein ideologisches Weltbild. Sie schaffe die Voraussetzungen dafür, dass jeder das Beste aus seinem Leben machen könne. Schöne Sätze, immer und gerade für einen Christdemokraten. Nur konkret?